ethica

Spinozas ethics and various translations, edited for easy post processing.
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5pr.md (8100B)


  1 Ich komme nun endlich zur anderen Seite der Ethik, welche die Mittel und Wege
  2 betrifft, die zur Freiheit führen. In diesem Teile werde ich also von der Macht
  3 der Vernunft handeln, indem ich zeige, *was die Vernunft wider die Affekte
  4 vermag,* sodann auch, was die *Freiheit des Geistes* oder die *Glückseligkeit* ist.
  5 Wir werden daraus ersehen, um wieviel der Weise mächtiger ist als der
  6 Unwissende.
  7 
  8 In welcher Weise aber und auf welchem Wege der Verstand zu vervollkommnen sei,
  9 und ferner, mit welcher Kunst der Körper gepflegt werden müsse, um seine
 10 Funktionen gehörig verrichten zu können, gehört nicht hierher. Denn dieses
 11 gehört in die Medizin, jenes zur Logik.
 12 
 13 Hier also werde ich, wie gesagt, bloß von der Macht des Geistes oder der
 14 Vernunft handeln und vor allem zeigen, wie groß und welcher Art ihre Gewalt über
 15 die Affekte ist, sie einzuschränken oder zu mäßigen. Denn daß wir keine absolute
 16 Gewalt über sie besitzen, habe ich schon oben bewiesen.
 17 
 18 Die *Stoiker* dagegen waren der Meinung, daß die Affekte absolut von unserem
 19 Willen abhängig seien und daß wir sie absolut beherrschen könnten. Die damit im
 20 Widerspruch stehende Erfahrung, keineswegs aber ihre Prinzipien, nötigte sie
 21 jedoch zu dem Geständnis, daß es nicht geringer Übung und Anstrengung bedürfe,
 22 um dieselben einzuschränken und im Zaum zu halten; was jemand (wenn ich mich
 23 recht erinnere) an dem Beispiel zweier Hunde, eines Haushunds und eines
 24 Jagdhunds, zu zeigen versucht hat. Er brachte es nämlich durch fortgesetzte
 25 Übung so weit, daß der Haushund an das Jagengewöhnt, dem Jagdhund dagegen die
 26 Verfolgung der Hasen abgewöhnt wurde.
 27 
 28 Zu dieser Ansicht neigt sich auch *Cartesius* nicht wenig hin. Denn er nimmt an,
 29 die Seele oder der Geist sei hauptsächlich mit einem gewissen Teil des Gehirns
 30 vereinigt, mit demjenigen nämlich, den man die *Zirbeldrüse* nennt, vermittelst
 31 deren der Geist alle Bewegungen, welche im Körper erregt werden, und die äußern
 32 Objekte wahrnimmt und welche der Geist dadurch allein, daß er will,
 33 verschiedenartig bewegen kann. Diese Drüse schwebt nach seiner Annahme so in der
 34 Mitte des Gehirns, daß sie durch die geringste Bewegung der Lebensgeister bewegt
 35 werden kann. Ferner behauptet er, daß diese Drüse auf ebensoviel verschiedene
 36 Weisen in der Mitte des Gehirns schwebt, auf so verschiedene Weisen sie von den
 37 Lebensgeistern einen Anstoß empfängt, und daß außerdem ebensoviel verschiedene
 38 Spuren in sie eingedrückt werden, soviel verschiedene äußere Objekte die
 39 Lebensgeister selbst gegen die Drüse stoßen. Daher komme es, daß, wenn die Drüse
 40 später von dem Willen der Seele, der sie verschiedenartig bewegt, in diese oder
 41 jene schwankende Lage gebracht wird, in welche sie schon einmal von den auf
 42 diese oder jene Weise angeregten Lebensgeistern gebracht worden war, die Drüse
 43 selbst dann wieder die Lebensgeister auf dieselbe Weise anstößt und bestimmt,
 44 wie diese früher von der ähnlich schwebenden Lage der Drüse zurückgestoßen
 45 wurden. – Weiter nimmt er an, daß jedes Wollen des Geistes von Natur mit
 46 irgendeiner bestimmten Bewegung der Drüse vereinigt (verbunden) sei. Wenn z.B.
 47 jemand den Willen hat, ein entferntes Objekt zu betrachten, so wird dieses
 48 Wollen die Wirkung haben, daß sich die Pupille erweitert. Wenn er aber bloß an
 49 die Erweiterung der Pupille denkt, so wird es nichts nützen, den Willen dazu zu
 50 haben, weil die Natur die Bewegung der Drüse, welche dazu dient, den
 51 Lebensgeistern einen solchen Anstoß gegen den Sehnerv zu geben, welcher die
 52 Erweiterung oder Erweiterung der Pupille entspricht, nicht mit dem Willen, die
 53 Pupille zuerweitern oder zu verengen, verbunden hat, sondern lediglich mit dem
 54 Willen, ein fernes oder nahes Objekt zu betrachten.
 55 
 56 Endlich behauptete er, daß, obgleich alle Bewegungen dieser Drüsen durch die
 57 Natur mit gewissen Gedanken, die wir haben, seit Beginn unseres Lebens verbunden
 58 zu sein scheinen, sie dennoch infolge von Angewöhnung mit anderen verbunden
 59 werden können; was er im ersten Teil seiner Schrift »Über die Leidenschaften«,
 60 Artikel 50, zu erweisen sucht.
 61 
 62 Cartesius folgert hieraus, daß keine Seele so schwach wäre, daß sie nicht, bei
 63 guter Anleitung, eine absolute Macht über ihre Leidenschaft erlangen könnte.
 64 Denn diese sind, nach seiner Definition, *Wahrnehmungen oder Empfindungen oder
 65 Bewegungen der Seele, die sich speziell auf sie beziehen und welche –
 66 wohlgemerkt! – hervorgebracht, erhalten und verstärkt werden durch irgendeine
 67 Bewegung der Lebensgeister.* (Man sehe »Über die Leidenschaften«, Teil 1,
 68 Artikel 27.) Da wir nun mit jedwedem Wollen jedwede Bewegung der Drüse und
 69 folglich auch der Lebensgeister verbinden können und die Bestimmung des Willens
 70 lediglich in unserer Macht liegt, so werden wir also eine absolute Herrschaft
 71 über unsere Leidenschaften erlangen, wenn wir unsern Willen durch sichere und
 72 feste Urteile, nach denen wir unser Tun und Lassen regeln wollen, bestimmen und
 73 die Bewegungen der Leidenschaften, die wir haben wollen, mit diesen Urteilen
 74 verbinden würden.
 75 
 76 Dies die Ansicht jenes hochberühmten Mannes (soweit ich sie seinen eigenen
 77 Worten entnehme). Ich würde aber kaum glauben, daß sie von einem so großen Manne
 78 herrühre, wenn sie nicht so scharfsinnig wäre. Ich kann mich wahrlich nicht
 79 genug wundern, daß ein Philosoph, der sich zum festen Grundsatz gemacht hat,
 80 alles nur aus Prinzipien abzuleiten, die durch sich selbst klar sind, und nichts
 81 zu behaupten, als was er klar und deutlich begreift,und der die Scholastiker so
 82 oft getadelt hat, weil sie dunkle Dinge durch verborgene Qualitäten erklären
 83 wollten, selbst einer Hypothese huldigt, welche dunkler ist als alle verborgenen
 84 Qualitäten!
 85 
 86 Was, frage ich, versteht er denn unter Vereinigung des Geistes und des Körpers?
 87 Welchen klaren und deutlichen Begriff hat er von einem mit irgendeinem Teilchen
 88 einer Masse eng vereinigten Denken? Ich wünschte fürwahr, daß er diese
 89 Vereinigung aus ihrer nächsten Ursache erklärt hätte! Er hat aber den Geist so
 90 verschieden vom Körper aufgefaßt, daß er weder von dieser Vereinigung noch vom
 91 Geiste selbst eine besondere Ursache angeben konnte, sondern selbst genötigt
 92 war, auf die Ursache des ganzen Universums, d.h. auf Gott, zurückzugehen. –
 93 Sodann möchte ich gern wissen, wieviel Grade von Bewegung der Geist dieser
 94 Zirbeldrüse mitteilen und wie groß die Kraft ist, mit welcher er sie schwebend
 95 erhalten kann. Denn wir erfahren nicht, ob diese Drüse langsamer oder schneller
 96 vom Geist herumgetrieben wird als von den Lebensgeistern, und ob die Bewegungen
 97 der Leidenschaften, die wir mit festen Urteilen enge verbunden haben, von
 98 denselben nicht wieder getrennt werden können. Denn daraus würde folgen, daß,
 99 wenn auch der Geist sich fest vorgesetzt haben würde, Gefahren entgegenzugehen
100 und mit diesem Entschluß die Bewegung der Kühnheit verbunden hätte, die Drüse
101 doch, beim Anblick der Gefahr, so schweben würde, daß der Geist nur an die
102 Flucht denken könnte. Und fürwahr, da es kein Verhältnis des Wollens zur
103 Bewegung gibt, so gibt es auch keine Vergleichung zwischen dem Vermögen und den
104 Kräften des Geistes und denen des Körpers; und folglich können die Kräfte des
105 Körpers niemals durch die Kräfte des Geistes bestimmt werden. – Hiezu kommt,
106 daß man diese Drüse nicht in der Mitte des Gehirns so gelegen findet, daß sie so
107 leicht und auf so vielerlei Weisen herumgetrieben werden könnte und daß sich
108 auch nicht alle Nerven bis zu den Gehirnhöhlen erstrecken. –
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110 Alles endlich, was er vom Willen und seiner Freiheit behauptet, lasse ich
111 beiseite, da ich zur Genüge gezeigt habe daß es falsch ist.
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113 Weil also das Vermögen des Geistes, wie oben gezeigt worden, durch die
114 Erkenntnis allein definiert wird, so werden wir die Mittel gegen die Affekte,
115 welche, wie ich glaube, alle Menschen zwar aus Erfahrung kennen, aber weder
116 genau beobachten noch deutlich erkennen, nur aus der Erkenntnis des Geistes
117 bestimmen und aus ihr allein alles dasjenige, was seine Glückseligkeit betrifft,
118 ableiten.
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