5p41sc.md (1698B)
1 Die gewöhnliche Ansicht der Menge scheint eine andere zu sein. Denn die meisten 2 scheinen zu glauben, daß sie insofern frei seien, sofern sie ihren Lüsten frönen 3 dürfenund daß sie insofern ihr Recht vergeben, sofern sie verpflichtet sind, 4 nach der Vorschrift des göttlichen Gesetzes zu leben. Frömmigkeit also und 5 Religion wie überhaupt alles, was zur Geisteskraft gehört, halten sie für 6 Lasten, und sie hoffen, nach dem Tode dieselben abzuwerfen und den Lohn für ihre 7 Knechtschaft, nämlich Frömmigkeit und Religion, zu empfangen. – Aber nicht 8 durch diese Hoffnung allein, sondern auch und hauptsächlich durch die Furcht, 9 nach dem Tode mit schrecklichen Martern bestraft zu werden, lassen sie sich 10 bewegen, nach der Vorschrift des göttlichen Gesetzes zu leben, soweit es ihre 11 Schwächlichkeit und ihr unvermögender Geist erlaubt. 12 13 Würde diese Hoffnung und diese Furcht den Menschen nicht innewohnen, würden sie 14 vielmehr glauben, daß der Geist mit dem Körper vergehe und daß den 15 Unglücklichen, die von der Last der Frömmigkeit ganz erschöpft sind, kein 16 anderes Leben bevorstehe, so würden sie zu ihrer natürlichen Sinnesweise 17 zurückkehren und es vorziehen, alles nach ihren Lüsten zu regeln und dem 18 Ungefähr mehr als sich selbst zu gehorchen. 19 20 Mir kommt dies nicht minder widersinnig vor, als wenn jemand deshalb, weil er 21 weiß, daß er seinen Leib nicht für alle Ewigkeit mit guten Nahrungsmitteln 22 erhalten kann, sich lieber mit Giften und tödlichen Stoffen sättigen wollte; 23 oder weil er sieht, daß der Geist nicht ewig und unsterblich ist, lieber 24 aberwitzig sein und ohne Vernunft leben will. Dies ist so widersinnig, daß es 25 kaum einer Erwähnung bedarf. 26 27