ethica

Spinozas ethics and various translations, edited for easy post processing.
git clone https://git.repetitions.de/ethica

5p20sc.md (4992B)


 1 Auf gleiche Weise können wir zeigen, daß es keinen Affekt gibt, der an und für
 2 sich dieser Liebe entgegengesetzt wäre und von dem diese Liebe vernichtet werden
 3 könnte. Daher können wir den Schluß ziehen, daß diese Liebe zu Gott der
 4 beharrlichste unter allen Affekten ist und daß sie, sofern sie sich auf den
 5 Körper bezieht, nur mit dem Körper selbst zerstört werden kann. Welcher Art sie
 6 aber ist, sofern sie sich auf den Geist allein bezieht, werden wir später sehen.
 7 
 8 Sämtliche Mittel gegen die Affekte oder alles, was der Geist, an sich allein
 9 betrachtet, gegen die Affekte vermag, ist im vorstehenden zusammengefaßt. Es
10 erhellt daraus, daß die Macht des Geistes über die Affekte in folgendem besteht.
11 
12 1. In der *Erkenntnis der Affekte selbst* (s. die Anmerkung zu Lehrsatz 4 dieses
13    Teils).
14 
15 2. In der *Trennung des Affekts von dem Gedanken der äußern Ursache,* die wir
16    verworren vorstellen (s. Lehrsatz 2 und die oben zitierte Anmerkung zu
17    Lehrsatz 4 dieses Teils).
18 
19 3. In der *Zeit*, worin die Erregungen, welche sich auf Dinge beziehen, die wir
20    erkennen, diejenigen übertreffen, welche sich auf Dinge beziehen, die wir
21    verworren und verstümmelt begreifen (s. Lehrsatz 7 dieses Teils).
22 
23 4. In der *Menge der Ursachen*, durch welche die Erregungen, welche sich auf die
24    allgemeinen Eigenschaften oder auf Gott beziehen, genährt werden (s. die
25    Lehrsätze 9 und 11 dieses Teils).
26 
27 5. In der *Ordnung*, nach welcher der Geist seine Affekte ordnen und miteinander
28    verketten kann (s. die Anmerkung zu Lehrsatz 10, außerdem noch die Lehrsätze
29    12, 13 und 14 dieses Teils).
30 
31 Damit aber diese Macht des Geistes über die Affekte besser verstanden werde, muß
32 hier in erster Linie bemerkt werden, daß ich die Affekte als *starke* bezeichne,
33 wenn wir bei Vergleichung des Affekts eines Menschen mit dem Affekt eines andern
34 Menschen wahrnehmen, daß der eine von demselben Affekt mehr als der andere
35 aufgeregt wird; oder wenn wir bei Vergleichung der Affekte eines und desselben
36 Menschen miteinander wahrnehmen, daß der Mensch von dem einen Affekt mehr als
37 von dem andern erregt oder bewegt wird.
38 
39 Denn die Macht eines jeden Affekts erklärt sich (nach Lehrsatz 5, Teil 4) aus
40 dem Vermögen der äußern Ursache, verglichen mit dem unserigen. Das Vermögen des
41 Geistes aber erklärt sich aus der bloßen Erkenntnis allein, sein Unvermögen
42 dagegen oder das Leiden aus dem bloßen Mangel an Erkenntnis, d.h., es bemißt
43 sich nach dem, wegen dessen die Ideen inadäquate heißen. Hieraus folgt, daß der
44 Geist am meisten leidet, dessen größten Teil inadäquate Ideen ausmachen, so daß
45 er mehr durch das, was er leidet, als durch das, was er tut, sich
46 kennzeichnet;und daß der dagegen am meisten tätig ist, dessen größten Teil
47 adäquate Ideen ausmachen, so daß, obgleich ihm ebensoviel inadäquate Ideen
48 innewohnen als dem andern, er doch mehr durch jene, welche der menschlichen
49 Tugend angehören, als durch diese, welche das menschliche Unvermögen bekunden,
50 sich kennzeichnet.
51 
52 Weiter muß bemerkt werden, daß der Kummer und das Unglücksgefühl des Gemüts
53 ihren Ursprung hauptsächlich in der übermäßigen Liebe zu einem Ding haben,
54 welches vielen Veränderungen unterworfen ist und das wir niemals besitzen
55 können. Denn niemand ist über ein Ding bekümmert und gedrückt, wenn er es nicht
56 liebt, und jede Kränkung, jeder Argwohn, jede Feindschaft usw. entspringt aus
57 der Liebe zu Dingen, in deren wahrem Besitz niemand sein kann.
58 
59 Hieraus ersehen wir leicht, was die klare und deutliche Erkenntnis und besonders
60 jene dritte Erkenntnisgattung (s. hierüber die Anmerkung zu Lehrsatz 47, Teil
61 2), deren Grundlage eben die Erkenntnis Gottes selbst ist, über die Affekte
62 vermag; indem sie, sofern dieselben Leiden sind, wenn auch nicht vollständig sie
63 aufhebt (s. Lehrsatz 3 mit der Anmerkung zu Lehrsatz 4 dieses Teils), so doch
64 bewirkt, daß sie den kleinsten Teil des Geistes ausmachen (s. Lehrsatz 14 dieses
65 Teils). – Ferner erzeugt diese Erkenntnis die Liebe zu dem, was
66 unveränderlich und ewig ist (s. Lehrsatz 15 dieses Teils) und das wir wahrhaft
67 besitzen können (s. Lehrsatz 45, Teil 2). Darum kann diese Liebe nicht von den
68 Fehlern, mit welchen die gemeine Liebe behaftet ist, getrübt werden, vielmehr
69 kann sie immer stärker und stärker werden (nach Lehrsatz 15 dieses Teils), den
70 größten Teil des Geistes einnehmen (nach Lehrsatz 16 dieses Teils) und ihn
71 gänzlich durchdringen.
72 
73 Damit habe ich alles erledigt, was das gegenwärtige Leben betrifft. Denn daß ich
74 mit diesen wenigen Worten alle Mittel gegen die Affekte zusammengefaßt habe, wie
75 ich im Eingang dieser Anmerkung sagte, wird jeder leicht finden, der den
76 Ausführungen dieser Anmerkung und zugleichden Definitionen des Geistes und
77 seiner Affekte, endlich auch den Lehrsätzen I und 3 im dritten Teil seine
78 Aufmerksamkeit zuwendet.
79 
80 Es ist daher nun Zeit, zu dem überzugehen, was die Dauer des Geistes ohne
81 Beziehung auf den Körper betrifft.
82 
83