ethica

Spinozas ethics and various translations, edited for easy post processing.
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5p10sc.md (5094B)


 1 Durch diese Macht, die Körpererregungen richtig zu ordnen und zu verketten,
 2 können wir bewirken, daß wir nicht leicht von schlimmen Affekten erregt werden.
 3 Denn es ist (nach Lehrsatz 7 dieses Teils) eine größere Kraft erforderlich, die
 4 Affekte, welche gemäß ihrer Ordnung nach der Erkenntnis geordnet und verkettet
 5 sind, einzuschränken als die unsicheren und schwankenden.
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 7 Das Beste also, was wir tun können, solange wir keine vollkommene Erkenntnis
 8 unserer Affekte haben, ist, daß wir uns eine richtige Methode der Lebensweise
 9 oder bestimmte Lebensregeln aufstellen, sie unserem Gedächtniseinprägen und In
10 den einzelnen, im Leben häufig vorkommenden Fällen anwenden, damit so unsere
11 Vorstellung von ihnen tief durchdrungen werde und wir dieselben jederzeit vor
12 Augen haben.
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14 So habe ich z.B. unter andern die Lebensregel aufgestellt (s. Lehrsatz 46, Teil
15 4, mit seiner Anmerkung), daß man den Haß durch Liebe oder Edelmut besiegen,
16 nicht aber durch Gegenhaß erwidern solle. Damit wir aber dieser Vorschrift der
17 Vernunft immer eingedenk seien, wo sie zur Anwendung kommen soll, muß man über
18 die Kränkungen, welche die Menschen einander gewöhnlich zufügen, nachdenken und
19 oft darüber nachsinnen, auf welche Art und durch welche Mittel dieselben am
20 besten durch Edelmut abgewehrt werden können. Denn so werden wir die Vorstellung
21 der Kränkung mit der Vorstellung dieser Lebensregel verbinden, und wir werden
22 derselben (nach Lehrsatz 18, Teil 2) stets eingedenk sein, sobald uns eine
23 Kränkung widerfährt.
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25 Wenn wir nun auch noch die Rücksicht auf unsern wahren Nutzen vor Augen haben
26 werden und auch des Guten eingedenk sind, das aus der gegenseitigen Freundschaft
27 und der gemeinsamen Vereinigung erfolgt, und ferner daran denken, daß aus einer
28 richtigen Lebensweise die höchste Befriedigung der Seele entspringt (nach
29 Lehrsatz 52, Teil 4) und daß die Menschen wie alles andere aus
30 Naturnotwendigkeit handeln, so wird die Kränkung oder der Haß, der aus ihr zu
31 entspringen pflegt, den geringsten Teil unserer Vorstellung einnehmen und leicht
32 überwunden werden. Und wenn der Zorn der aus sehr schweren Kränkungen zu
33 entspringen pflegt nicht so leicht überwunden werden sollte, so wird er, wenn
34 auch nicht ohne Seelenkampf, dann doch in viel kürzerer Zeit überwunden werden,
35 als wenn wir vorher nicht in der angegebenen Weise darüber nachgedacht hätten,
36 wie aus den Lehrsätzen 6, 7 und 8 dieses Teils erhellt.
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38 Gleicherweise müssen wir über die Seelenstärke nachdenken, um die Furcht
39 abzulegen. Wir müssen uns nämlich die im Leben vorkommenden Gefahren vorrechnen
40 undöfters vorstellen und überlegen, wie sie durch Geistesgegenwart und Mut am
41 besten vermieden werden können.
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43 Es ist aber zu bemerken, daß wir beim Ordnen unserer Gedanken und Vorstellungen
44 immer auf das achten müssen (nach Zusatz zu Lehrsatz 63, Teil 4, und Lehrsatz
45 59, Teil 3), was in jedem Ding gut ist, damit wir so stets durch den Affekt der
46 Lust zum Handeln bestimmt werden. Wenn z.B. jemand bemerkt, daß er allzusehr
47 nach Ruhm dürstet, so möge er über dessen richtigen Gebrauch nachdenken und
48 auch, zu welchem Zweck ihm nachzutrachten sei und mit welchen Mitteln derselbe
49 erlangt werden könne; nicht aber über den Mißbrauch desselben und dessen
50 Eitelkeit oder über die Unzuverlässigkeit der Menschen und anderes dieser Art,
51 worüber man nur bei verstimmtem Gemüt nachdenkt. Denn mit solchen Gedanken
52 quälen sich gerade die Ehrgeizigsten am allermeisten, wenn sie daran
53 verzweifeln, die heißbegehrten Ehren zu erlangen; und während sie ihrem Zorn
54 Luft machen, wollen sie weise scheinen. Daher ist es gewiß, daß diejenigen die
55 Ruhmbegierigsten sind, welche das größte Geschrei erheben über den Mißbrauch des
56 Ruhms und die Eitelkeit der Welt.
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58 Übrigens ist dies nicht eine ausschließliche Eigenschaft der Ehrgeizigen,
59 sondern allen geistigen Schwächlingen eigen, denen das Glück nicht günstig ist.
60 Denn auch der Arme, der gern reich sein möchte, redet unaufhörlich vom Mißbrauch
61 des Geldes und den Lastern der Reichen, womit er aber keine andere Wirkung
62 erzielt, als daß er sich ärgert und andern zeigt, daß er nicht bloß über die
63 eigene Armut, sondern auch über den Reichtum anderer Groll hegt. – Ebenso
64 machen es Männer, die von ihrer Geliebten übel aufgenommen wurden; sie denken
65 nur an den Wankelmut der Weiber und ihr falsches Herz und an andere
66 abgedroschene Vorwürfe, die man den Weibern macht.
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68 Wer also seine Affekte und Neigungen aus Liebe zur Freiheit allein zu zügeln
69 trachtet, der wird sich angelegen seinlassen, sosehr er kann, die Tugenden und
70 ihre Ursachen kennenzulernen und seine Seele mit der Freude zu erfüllen, die aus
71 dieser wahren Erkenntnis entspringt; nicht aber wird er sich mit der Betrachtung
72 der menschlichen Laster abgeben, die Menschen durchhecheln und am Schein einer
73 falschen Freiheit Freude haben. Und wer hierauf mit Eifer sein Augenmerk richtet
74 (denn es ist nicht schwer) und sich darin übt, der wird sicherlich in kurzer
75 Zeit seine Handlungen meist nach den Geboten der Vernunftregeln können.
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