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1 Es würde zu weit führen, wenn ich hier alle Übel des Hochmuts aufzählen wollte, 2 da ja die Hochmütigen allen Affekten unterworfen sind, aber keinen Affekten 3 weniger als denen der Liebe und Barmherzigkeit. 4 5 Indessen darf hier nicht verschwiegen werden, daß auch derjenige hochmütig 6 genannt wird, der von anderen Menschen eine geringere Meinung hat, als recht 7 ist. In diesem Sinne also ist Hochmut zu definieren als: Lust, entsprungenaus 8 der falschen Meinung, daß der Mensch sich über die andern erhaben dünkt. Der 9 diesem Hochmut gegenüberstehende Kleinmut wäre zu definieren als: Unlust, 10 entsprungen aus der falschen Meinung, daß der Mensch sich geringer als andere 11 wähnt. Bei dieser Auffassung begreift es sich leicht, daß der Hochmütige 12 notwendig mißgünstig ist (s. die Anmerkung zu Lehrsatz 55, Teil 3) und 13 diejenigen besonders haßt, die wegen ihrer Tugend sehr gepriesen werden; daß 14 sein Haß nicht leicht durch Liebe oder Wohltaten besiegt wird (s. Anmerkung zu 15 Lehrsatz 41, Teil 3) und daß ihm nur die Nähe derjenigen Freude macht, die seine 16 Geistesschwäche hätscheln und ihn aus einem Toren vollends zum Narren machen. 17 18 Obgleich nun Kleinmut der Gegensatz von Hochmut ist, so steht doch der 19 Kleinmütige dem Hochmütigen sehr nahe. Denn, da seine Unlust daraus entspringt, 20 daß er sein Unvermögen nach dem Vermögen oder der Tugend anderer beurteilt, so 21 wird seine Unlust gemildert werden, d.h., er wird Lust empfinden, wenn seine 22 Vorstellung sich mit der Betrachtung der Fehler anderer Menschen befaßt. Daher 23 das Sprüchwort: 24 25 Trost für Unglückliche ist's, Genossen im Unglück zu haben. 26 27 Umgekehrt wird er um so mehr Unlust empfinden, je geringer er sich gegen andere 28 wähnt. Daher kommt es, daß niemand mehr zum Neid geneigt ist als die 29 Kleinmütigen; daß sie mit Vorliebe das Tun und Lassen anderer beobachten, mehr 30 um zu nörgeln, als um zu bessern und daß sie endlich nur den Kleinmut loben und 31 sich dessen rühmen, aber so, daß sie dabei doch den Schein des Kleinmuts 32 bewahren. Dies folgt aus diesem Affekt so notwendig, wie aus der Natur des 33 Dreiecks folgt, daß seine drei Winkel zwei rechten Winkeln gleich sind. 34 35 Ich habe schon gesagt, daß ich diese und ähnliche Affekte als schlechte 36 bezeichne, sofern ich nur den menschlichen Nutzen ins Auge fasse. Die 37 Naturgesetze aber richten sich nach der allgemeinen Ordnung der Natur, von 38 welcherder Mensch nur ein Teil ist. Daran wollte ich hier im Vorbeigehen 39 erinnern, damit man nicht etwa glaube, ich hätte hier die Laster und törichten 40 Handlungen der Menschen aufzählen und nicht vielmehr die Natur und die 41 Eigenschaften der Dinge erörtern wollen. Denn, wie ich im Vorwort zum dritten 42 Teil gesagt habe, ich betrachte die menschlichen Affekte und ihre Eigenschaften 43 ganz wie die übrigen Dinge der Natur. Und sicherlich bekunden die menschlichen 44 Affekte das Vermögen und die Geschicklichkeit wenn nicht des Menschen, so doch 45 der Natur nicht minder als vieles andere, das wir bewundern und an dessen 46 Betrachtung wir uns erfreuen. 47 48 Ich fahre aber nun fort, über die Affekte das hervorzuheben, was den Menschen 49 zum Nutzen und was ihnen zum Schaden gereicht. 50 51