ethica

Spinozas ethics and various translations, edited for easy post processing.
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4p57sc.md (3157B)


 1 Es würde zu weit führen, wenn ich hier alle Übel des Hochmuts aufzählen wollte,
 2 da ja die Hochmütigen allen Affekten unterworfen sind, aber keinen Affekten
 3 weniger als denen der Liebe und Barmherzigkeit.
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 5 Indessen darf hier nicht verschwiegen werden, daß auch derjenige hochmütig
 6 genannt wird, der von anderen Menschen eine geringere Meinung hat, als recht
 7 ist. In diesem Sinne also ist Hochmut zu definieren als: Lust, entsprungenaus
 8 der falschen Meinung, daß der Mensch sich über die andern erhaben dünkt. Der
 9 diesem Hochmut gegenüberstehende Kleinmut wäre zu definieren als: Unlust,
10 entsprungen aus der falschen Meinung, daß der Mensch sich geringer als andere
11 wähnt. Bei dieser Auffassung begreift es sich leicht, daß der Hochmütige
12 notwendig mißgünstig ist (s. die Anmerkung zu Lehrsatz 55, Teil 3) und
13 diejenigen besonders haßt, die wegen ihrer Tugend sehr gepriesen werden; daß
14 sein Haß nicht leicht durch Liebe oder Wohltaten besiegt wird (s. Anmerkung zu
15 Lehrsatz 41, Teil 3) und daß ihm nur die Nähe derjenigen Freude macht, die seine
16 Geistesschwäche hätscheln und ihn aus einem Toren vollends zum Narren machen.
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18 Obgleich nun Kleinmut der Gegensatz von Hochmut ist, so steht doch der
19 Kleinmütige dem Hochmütigen sehr nahe. Denn, da seine Unlust daraus entspringt,
20 daß er sein Unvermögen nach dem Vermögen oder der Tugend anderer beurteilt, so
21 wird seine Unlust gemildert werden, d.h., er wird Lust empfinden, wenn seine
22 Vorstellung sich mit der Betrachtung der Fehler anderer Menschen befaßt. Daher
23 das Sprüchwort:
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25 Trost für Unglückliche ist's, Genossen im Unglück zu haben.
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27 Umgekehrt wird er um so mehr Unlust empfinden, je geringer er sich gegen andere
28 wähnt. Daher kommt es, daß niemand mehr zum Neid geneigt ist als die
29 Kleinmütigen; daß sie mit Vorliebe das Tun und Lassen anderer beobachten, mehr
30 um zu nörgeln, als um zu bessern und daß sie endlich nur den Kleinmut loben und
31 sich dessen rühmen, aber so, daß sie dabei doch den Schein des Kleinmuts
32 bewahren. Dies folgt aus diesem Affekt so notwendig, wie aus der Natur des
33 Dreiecks folgt, daß seine drei Winkel zwei rechten Winkeln gleich sind.
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35 Ich habe schon gesagt, daß ich diese und ähnliche Affekte als schlechte
36 bezeichne, sofern ich nur den menschlichen Nutzen ins Auge fasse. Die
37 Naturgesetze aber richten sich nach der allgemeinen Ordnung der Natur, von
38 welcherder Mensch nur ein Teil ist. Daran wollte ich hier im Vorbeigehen
39 erinnern, damit man nicht etwa glaube, ich hätte hier die Laster und törichten
40 Handlungen der Menschen aufzählen und nicht vielmehr die Natur und die
41 Eigenschaften der Dinge erörtern wollen. Denn, wie ich im Vorwort zum dritten
42 Teil gesagt habe, ich betrachte die menschlichen Affekte und ihre Eigenschaften
43 ganz wie die übrigen Dinge der Natur. Und sicherlich bekunden die menschlichen
44 Affekte das Vermögen und die Geschicklichkeit wenn nicht des Menschen, so doch
45 der Natur nicht minder als vieles andere, das wir bewundern und an dessen
46 Betrachtung wir uns erfreuen.
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48 Ich fahre aber nun fort, über die Affekte das hervorzuheben, was den Menschen
49 zum Nutzen und was ihnen zum Schaden gereicht.
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