4p1sc.md (2243B)
1 Dieser Lehrsatz erhellt noch deutlicher aus Zusatz II zu Lehrsatz 16 im zweiten 2 Teil. Denn die Vorstellung ist eine Idee, welche mehr den gegenwärtigen Zustand 3 des menschlichen Körpers als die Natur des äußern Körpers anzeigt; zwar nicht 4 deutlich, sondern verworren. Daher kommt es, daß man sagt, der Geist irrt. Wenn 5 wir z.B. die Sonne betrachten, stellen wir uns vor, sie sei ungefähr zweihundert 6 Fuß von uns entfernt, und hierin täuschen wir uns so lange, als wir ihren wahren 7 Abstand nicht kennen. Durch die Erkenntnis ihres Abstands wird nun zwar der 8 Irrtum gehoben, nicht aber die Vorstellung, d.h. die Idee der Sonne, welche 9 deren Natur nur insofern ausdrückt, sofern der Körper von ihr erregt wird. Daher 10 werden wir, auch wenn wir ihren wahren Abstand kennen, dennoch die Vorstellung 11 haben, daß sie uns nahe sei. Denn wie ich in der Anmerkung zu Lehrsatz 35 des 12 zweiten Teils gesagt habe, nicht deswegen stellen wir uns die Sonne so nahe vor, 13 weil wir ihren wahren Abstand nicht kennen, sondern weil der Geist insofern die 14 Größe der Sonne begreift, sofern der Körper vor ihr erregt wird. – So auch, 15 wenn die auf die Oberfläche des Wassers fallenden Sonnenstrahlen nach unsern 16 Augen zurückgeworfen werden, haben wir die Vorstellung, als wären sie im Wasser, 17 obgleich wir ihren wahren Ort kennen. – Und so sind auch die übrigen 18 Vorstellungen, durch welche der Geist getäuscht wird, mögen sie den natürlichen 19 Zustand des Körpers oder die Vermehrung oder Verminderung seines 20 Tätigkeitsvermögens anzeigen, dem Wahren nicht entgegengesetzt, noch 21 verschwinden sie durch dessen Gegenwart. – Zwar geschieht es, daß, wenn wir 22 fälschlich ein Übel fürchten, die Furcht verschwindet, sobald wir die wahre 23 Sachlage erfahren haben. Umgekehrt aber geschieht es ebenfalls, daß, wenn wir 24 ein Übel fürchten, welches sicher kommen wird, die Furcht gleichfalls 25 verschwindet, wenn uns die Sachlage falsch dargestellt wird. – Die 26 Vorstellungen verschwinden also nicht durch die Gegenwart des Wahren, sofern es 27 wahr ist, sondern weil ihnen andere stärkere entgegentreten, welche die 28 gegenwärtige Existenz der vorgestellten Dinge ausschließen, wie ich im zweiten 29 Teil, Lehrsatz 17, gezeigt habe. 30 31