ethica

Spinozas ethics and various translations, edited for easy post processing.
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3pr.md (3532B)


 1 Viele, die über die Affekte und über die Lebensweise der Menschen geschrieben
 2 haben, scheinen nicht von natürlichen Dingen zu reden, welche den allgemeinen
 3 Naturgesetzen folgen, sondern von Dingen außerhalb der Natur. Ja, sie scheinen
 4 den Menschen in der Natur wie einen Staat im Staate anzusehen. Denn sie glauben,
 5 daß der Mensch die Ordnung der Natur mehr stört als befolgt und daß er über
 6 seine Handlungen eine absolute Macht hat und von niemand bestimmt wird als von
 7 sich selbst. Ferner suchen sie die Ursache der menschlichen Schwäche und
 8 Unbeständigkeit nicht in der gewöhnlichen Naturkraft, sondern ich weiß nicht in
 9 welchem Gebrechen der menschlichen Natur, welche sie daher beweinen, verlachen,
10 verachten oder, was am häufigsten geschieht, verwünschen. Und wer die Schwäche
11 des menschlichen Geistes recht beredt oder scharf durchzuhecheln versteht, der
12 wird wie ein göttliches Wesen angesehen.
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14 Indessen hat es doch auch an hervorragenden Männern nicht gefehlt (und ich
15 gestehe, daß ich deren Arbeit und Fleiß viel zu verdanken habe), die über die
16 rechte Lebensweise viel Treffliches geschrieben und den Sterblichen Ratschläge
17 voll Klugheit gegeben haben. Die Natur und die Kräfte der Affekte aber, und was
18 hinwiederum der Geist vermag, sie zu mäßigen, das hat, soviel ich weiß, noch
19 niemand angegeben. Ich weiß zwar, daß der hochberühmte Cartesius, obschon auch
20 er glaubte, der Geist habe über seine Handlungen eine absolute Macht, dennoch
21 versucht hat, die menschlichen Affekte nach ihren ersten Ursachen zu erklären
22 und zugleich den Weg zu zeigen, wie der Geist über die Affekte eine absolute
23 Herrschafterlangen könne. Er hat aber damit, nach meiner Meinung wenigstens,
24 nichts als den Scharfsinn seines großen Geistes gezeigt, was ich an der
25 geeigneten Stelle beweisen werde.
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27 Hier will ich mich wieder zu jenen wenden, welche die menschlichen Affekte und
28 Handlungen lieber verwünschen oder verlachen, als verstehen wollen. Diesen wird
29 es ohne Zweifel sonderbar vorkommen, daß ich die menschlichen Fehler und
30 Torheiten auf geometrische Weise zu behandeln unternehme und nach einer
31 vernünftigen Methode Dinge entwickeln will, welche sie jahraus, jahrein als
32 vernunftwidrig und als eitel, albern und schrecklich verschreien.
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34 Mein Grund aber ist folgender: Es geschieht in der Natur nichts, was ihr als
35 Fehler angerechnet werden könnte. Denn die Natur ist immer dieselbe, und ihre
36 Kraft und ihr Vermögen zu wirken ist überall gleich. Das heißt: Die Gesetze und
37 Regeln der Natur, nach welchen alles geschieht und Formen in Formen verwandelt
38 werden, sind überall und immer die gleichen. Daher kann es auch nur Eine Methode
39 geben, nach welcher die Natur aller Dinge, welche es immer seien, erkannt wird,
40 nämlich durch die allgemeinen Gesetze und Regeln der Natur. Es erfolgen darum
41 die Affekte, wie Haß, Zorn, Neid, an sich betrachtet, aus derselben
42 Notwendigkeit und Kraft der Natur wie alles andere. Hiernach haben sie ihre
43 bestimmten Ursachen, durch welche sie erkannt werden, und haben bestimmte
44 Eigenschaften, die unseres Erkennens ebenso würdig sind wie die Eigenschaften
45 eines jeden andern Dinges, an dessen bloßer Betrachtung wir uns erfreuen.
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47 Ich werde daher die Natur und die Kräfte der Affekte und die Macht des Geistes
48 über dieselben nach derselben Methode behandeln, nach welcher ich in den vorigen
49 Teilen Gott und den Geist behandelt habe, und die menschlichen Handlungen und
50 Begierden geradeso betrachten, als handelte es sich um Linien, Flächen oder
51 Körper.
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