3p59sc.md (3653B)
1 Alle Tätigkeiten, welche aus Affekten folgen, die sich auf den Geist beziehen, 2 sofern er erkennt, rechne ich zur *Geisteskraft*, an welcher ich die 3 *Seelenstärke/und den /Edelmut* unterscheide. Unter *Seelenstärke* verstehe ich die 4 Begierde, wonach jemand bestrebt ist, *sein eigenes Sein* nach dem bloßen Gebot 5 der Vernunft zu erhalten. Unter *Edelmut* aber verstehe ich die Begierde, wonach 6 jemand bestrebt ist, nach dem bloßen Gebot der Vernunft *seinen Mitmenschen* 7 wohlzutun und sie sich durch Freundschaft zu verbinden. Die Handlungen also, 8 welche den Nutzen des Handelnden allein bezwecken, rechne ich zur Seelenstärke, 9 die, welche den Nutzen eines andern bezwecken, zum Edelmut. *Mäßigkeit, 10 Nüchternheit, Geistesgegenwart* in Gefahren usw. sind also Arten der 11 Seelenstärke; *Leutseligkeit, Milde* usw. hingegen sind Arten des Edelsinns. 12 13 Damit glaube ich, die wichtigsten Affekte und die Schwankungen des Gemüts, 14 welche aus der Verbindung der drei Hauptaffekte: Begierde, Lust und Unlust, 15 entspringen, erklärt und auf ihre ersten Ursachen zurückgeführt zu haben. Es 16 erhellt daraus, daß wir von äußern Ursachen auf vielerlei Arten hin und her 17 bewegt werden und wie die von entgegengesetzten Winden aufgeregten Meereswellen 18 dahin und dorthin schwanken, unkundig unseres Verhängnisses und Schicksals. 19 20 Ich habe indes schon gesagt, daß ich nur die wichtigsten Erregungen des Gemüts 21 erörtert habe, nicht alle, die es geben kann. Denn wir könnten, auf demselben 22 Wege wie bisher weitergehend, leicht zeigen, daß sich die Liebe mit der Reue, 23 der Geringschätzung, der Scham usw. verbindet. Ja, es wird sich, wie ich glaube, 24 einem jeden aus den bisherigen Ausführungen klar ergeben, daß die Affekte auf so 25 vielerlei Weisen sich miteinander verbinden und daß daraus so mannigfaltige 26 Arten von Affekten entstehen können, daß es keine Zahl dafür gibt. Für meinen 27 Zweck genügt es aber, nur die wichtigsten aufgezählt zu haben; denn die übrigen, 28 die ich unerwähnt ließ, hätten mehr ihrer Seltsamkeit als ihres Nutzens wegen 29 Interesse. 30 31 Von der Liebe ist jedoch noch etwas zu bemerken. Es kommt nämlich sehr oft vor, 32 daß, wenn wir den Gegenstand, nach welchem wir Verlangen hatten, genießen, der 33 Körper durch diesen Genuß eine Veränderung seines Zustandes (Verfassung, 34 Beschaffenheit) erfährt, so daß er anders bestimmt wird, und Vorstellungen 35 anderer Dinge in ihm wachgerufen werden; womit zugleich der Geist sich etwas 36 anderes vorzustellen und etwas anderes zu wünschen beginnt. Wenn wir uns z.B. 37 etwas vorstellen, was uns durch seinen Geschmack zu ergötzen pflegt, begehren 38 wir, es zu genießen, d.h., zu essen. Während wir es aber genießen, wird der 39 Magen angefüllt, und der Körper gelangt damit in einen andern Zustand. Wenn 40 also, während der Zustand des Körpers bereits ein anderer geworden, die 41 Vorstellung dieser Speise, weil sie selbst gegenwärtig ist, noch lebhafter wird 42 und folglich auch das Bestreben oder die Begierde, sie zu essen, so wird dieser 43 Begierde oder diesem Bestreben dieser neue Zustand widerstreben, und folglich 44 wird die Gegenwart der Speise, nach der wir Verlangen hatten, verhaßt. Das ist 45 es, was man *Überdruß* und *Ekel* nennt. 46 47 Übrigens habe ich die äußern Körpererregungen, welche bei den Affekten 48 beobachtet werden, wie das Zittern, das Erbleichen, das Schluchzen, das Lachen 49 usw., beiseite gelassen, weil sie den Körper allein betreffen und keinerlei 50 Beziehungen zum Geiste haben. 51 52 Schließlich ist noch einiges über die Definitionen der Affekte zu bemerken. Ich 53 werde sie daher hier der Reihe nach wiederholen und was bei jedem noch zu 54 beachten ist einfügen. 55 56