3p39sc.md (1903B)
1 Unter *Gut* verstehe ich hier jede Art von Lust und ferner alles, was zur Lust 2 beiträgt, und hauptsächlich das, was einen Wunsch, welcher Art er immer sei, 3 befriedigt. Unter *Übel* dagegen jede Art von Unlust und hauptsächlich das, was 4 die Befriedigung eines Wunsches vereitelt. Denn oben (in der Anmerkung zu 5 Lehrsatz 9 dieses Teils) habe ich gezeigt, daß wir nicht etwas begehren, weil 6 wir es für gut halten, sondern daß wir umgekehrt das gutheißen, was wir 7 begehren; und demgemäß nennen wir schlecht (übel) das, was wir verabscheuen. 8 Daher beurteilt oder schätzt jeder nach seinem Affekt, was gut und was schlecht, 9 was das Bessere und das Schlimmere, was das Beste und das Schlechteste sei. So 10 hält der Habsüchtige einen Haufen Gold für das Beste, dagegen den Mangel daran 11 für das Schlimmste. Der Ehrgeizige hingegen begehrt nichts so sehr als den Ruhm 12 und zittert vor nichts mehr als vor der Schande. Dem Neidischen ist nichts 13 angenehmer als das Unglück eines andern, nichts unangenehmerals fremdes Glück. 14 Und so hält jeder nach seinem Affekt ein Ding für gut oder schlecht, nützlich 15 oder schädlich. 16 17 Übrigens heißt dieser Affekt, von welchem der Mensch so disponiert wird, daß er 18 das, was er möchte, nicht will oder das, was er nicht möchte, will, *Scheu*, 19 welche demnach nichts anderes ist als Furcht, sofern der Mensch von ihr 20 disponiert wird, ein künftiges Übel, das er befürchtet, durch ein anderes 21 geringeres zu vermeiden (s. Lehrsatz 28 dieses Teils). – Wenn das Übel, das er 22 befürchtet, die Schande ist, so heißt diese Befürchtung *Ehrgefühl* (Scheu vor 23 Schande). – Wenn endlich das Verlangen, ein künftiges Übel zu vermeiden, durch 24 die Furcht vor einem andern Übel gehemmt wird, so daß man nicht weiß, was man 25 vorziehen soll, so heißt die Furcht *Bestürzung*, namentlich wenn beide Übel, die 26 man fürchtet, zu den großen gehören. 27 28