ethica

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  1 Noch deutlicher ist dies aus dem in der Anmerkung zu Lehrsatz 7, Teil 2,
  2 Gesagten ersichtlich, wonach Geist und Körper ein und dasselbe Ding sind,
  3 welches bald unter dem Attribut des Denkens, bald unter dem der Ausdehnung
  4 begriffen wird. Daher kommt es, daß die Ordnung oder Verkettung der Dinge
  5 dieselbe ist, ob die Natur unter diesem oder unter jenem Attribut begriffen wird
  6 und folglich auch, daß die Ordnung der Tätigkeiten und der Leiden unseres
  7 Körpers von Natur aus der Ordnung der Tätigkeiten und der Leiden unseres Geistes
  8 genau entspricht. Dies erhellt auch aus dem, womit ich den 12. Lehrsatz des 2.
  9 Teils bewiesen habe.
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 11 Aber obgleich sich dies so verhält und durchaus kein Grund vorliegt, daran zu
 12 zweifeln, glaube ich doch kaum, daß die Menschen dazu bewogen werden können, die
 13 Sache unbefangen zu erwägen, wenn ich sie nicht mit der Erfahrung belege; so
 14 fest sind sie überzeugt, daß der Körper auf einen bloßen Wink des Geistes bald
 15 in Bewegung,bald in Ruhe versetzt wird und zahlreiche Handlungen verübt, die
 16 allein vom Willen des Geistes und von der Kunst des Denkens abhängen. Was
 17 freilich der Körper alles vermag, hat bis jetzt noch niemand festgestellt; d.h.,
 18 niemand hat sich bis jetzt auf dem Wege der Erfahrung darüber unterrichtet, was
 19 der Körper nach den bloßen Gesetzen seiner Natur, sofern sie nur als eine
 20 körperliche betrachtet wird, tun kann und was er nicht tun kann, wenn er nicht
 21 vom Geiste dazu bestimmt wird. Denn niemand hat bis jetzt die Werkstätte des
 22 Körpers so genau kennengelernt, um alle seine Verrichtungen erklären zu können;
 23 ganz abgesehen davon, daß man bei Tieren vieles beobachtet, was die menschliche
 24 Sinnesschärfe weit überragt, und daß Nachtwandler im Schlafe vieles tun, was sie
 25 im wachen Zustand nicht wagen würden. Das zeigt doch zur Genüge, daß der Körper
 26 an sich nach den bloßen Gesetzen seiner Natur vieles vermag, worüber sich sein
 27 eigener Geist wundert. – Es weiß ferner niemand anzugeben, auf welche Weise und
 28 mit welchen Mitteln der Geist den Körper bewegt, noch auch, wieviel Grade der
 29 Bewegung er dem Körper mitteilen könne und wie groß die Schnelligkeit ist, mit
 30 welcher er ihn zu bewegen vermöge.
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 32 Daraus folgt, daß, wenn die Menschen sagen, diese oder jene Körpertätigkeit
 33 entspringe aus dem Geiste, welcher die Herrschaft über den Körper hat, sie nicht
 34 wissen, was sie sagen, und bloß mit blendenden Worten eingestehen, daß sie die
 35 wahre Ursache jener Tätigkeit nicht wissen, ohne sich über dieselbe zu wundern.
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 37 Allein man wird sagen, ob man wisse oder nicht wisse, mit welchen Mitteln der
 38 Geist den Körper bewege, so mache man doch die Erfahrung, daß der Körper schlaff
 39 sein würde, wenn der Geist nicht zum Denken fähig wäre Ferner mache man die
 40 Erfahrung, daß es in der bloßen Macht des Geistes stehe, entweder zu reden oder
 41 zu schweigen, und noch vieles andere, was man deshalb von der Entschließung des
 42 Geistes abhängig glaubt.
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 44 Was nun das erste anbelangt, so frage ich die Gegnerselbst, ob nicht die
 45 Erfahrung ebenfalls lehrt, daß auch umgekehrt, wenn der Körper schlaff ist, auch
 46 der Geist zugleich unfähig zum Denken ist? Denn wenn der Körper im Schlafe ruht,
 47 ist auch der Geist mit ihm in Schlaf versenkt und hat nicht, wie im wachen
 48 Zustand, die Macht zu denken. Ferner wird wohl jeder schon die Erfahrung gemacht
 49 haben, daß der Geist nicht immer gleich befähigt ist, über ein Objekt zu denken,
 50 daß vielmehr, je fähiger der Körper ist, das Bild von diesem oder jenem Objekt
 51 in sich zu erzeugen, um so fähiger auch der Geist ist, dieses oder jenes Objekt
 52 zu betrachten.
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 54 Aber, wird man sagen, aus den bloßen Gesetzen der Natur, sofern sie nur als
 55 körperliche betrachtet wird, können doch die Ursachen von Gebäuden, Gemälden und
 56 andern Dingen dieser Art, welche bloß der menschlichen Kunst ihre Entstehung
 57 verdanken, unmöglich hergeleitet werden; und der menschliche Körper ist ja nicht
 58 imstande, einen Tempel zu erbauen, wenn er nicht im Geiste dazu bestimmt und
 59 angeleitet werde. – Ich habe aber bereits gezeigt, daß die Gegner selbst nicht
 60 wissen, was der Körper vermag und was aus der bloßen Betrachtung seiner Natur
 61 abgeleitet werden kann, und daß sie selbst die Erfahrung machen, daß vieles nach
 62 den bloßen Gesetzen der Natur geschieht, wovon sie nie geglaubt hätten, daß es
 63 ohne die Leitung des Geistes geschehen könne, so z.B. was die Nachtwandler im
 64 Schlafe tun und worüber sie selbst im wachen Zustand verwundert sind. Ich will
 65 noch auf den künstlichen Bau des menschlichen Körpers hinweisen, der an
 66 Künstlichkeit alles weit übertrifft, was von menschlicher Kunst gebaut worden
 67 ist, ganz zu schweigen davon daß, wie schon oben ausgeführt wurde, aus der
 68 Natur, unter welchem Attribut sie auch betrachtet werde, Unendliches folgt.
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 70 Was ferner das zweite betrifft, so stünde es allerdings weit besser um die
 71 menschlichen Zustände, wenn das Schweigen ebenso wie das Reden in der Macht des
 72 Menschen stünde. Die Erfahrung aber lehrt genug und übergenug, daß die Menschen
 73 nichts weniger in ihrer Gewalthaben als die Zunge und daß sie nichts weniger
 74 vermögen, als ihre Begierden im Zaum zu halten. Daher kommt es, daß viele
 75 glauben, wir täten nur das freiwillig, was wir nicht heftig begehren; denn die
 76 Begierde nach solchen Dingen kann leicht beschränkt werden durch die Erinnerung
 77 an etwas anderes, dessen wir häufig gedenken. Dasjenige dagegen, glauben sie,
 78 täten wir nicht freiwillig, was wir mit heftigem Affekt begehren, der also durch
 79 die Erinnerung an etwas anderes nicht gedämpft werden kann. Und würden sie nicht
 80 die Erfahrung gemacht haben, daß der Mensch vieles tut, was er später bereut,
 81 und daß er oft, wenn er von entgegengesetzten Affekten bestürmt wird, das
 82 Bessere sieht und das Schlechtere befolgt, so würden sie keinen Anstand nehmen
 83 zu glauben, daß wir alles freiwillig tun. So glaubt das Kind, es begehre die
 84 Milch freiwillig; der erzürnte Knabe, er wolle die Rache; der Furchtsame die
 85 Flucht. Der Betrunkene glaubt, er rede aus freier Entschließung des Geistes, was
 86 er, wieder ernüchtert, verschwiegen zu haben wünscht. So meint der Irrsinnige,
 87 der Schwätzer, der Knabe und viele dieses Schlags aus freier Entschließung des
 88 Geistes zu reden während sie doch den Antrieb zum Reden, den sie haben nicht
 89 bezähmen können.
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 91 Somit lehrt die Erfahrung selbst nicht minder deutlich als die Vernunft, daß die
 92 Menschen nur darum glauben, sie wären frei, weil sie ihrer Handlungen bewußt,
 93 der Ursachen aber, von denen sie bestimmt werden, unkundig sind. Und außerdem
 94 lehrt sie, daß die Entschlüsse des Geistes nichts anderes sind als die Begierden
 95 selbst, die je nach der verschiedenen Disposition des Körpers verschieden sind.
 96 Denn jeder entscheidet sich in allem gemäß seinem Affekt. Diejenigen also,
 97 welche von entgegengesetzten Affekten bestürmt werden, wissen nicht, was sie
 98 wollen; die aber von gar keinem Affekt erregt sind, werden durch einen
 99 geringfügigen Anlaß dahin und dorthin getrieben.
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101 Alles dies zeigt gewiß klar, daß sowohl der Entschluß des Geistes als auch die
102 Begierde und die Bestimmungdes Körpers von Natur einander entsprechen oder
103 vielmehr ein und dasselbe Ding sind, welches wir, wenn es unter dem Attribut des
104 Denkens betrachtet und durch dieses ausgedrückt wird, Entschluß nennen, und wenn
105 es unter dem Attribut der Ausdehnung betrachtet und aus den Gesetzen der
106 Bewegung und Ruhe abgeleitet wird, Bestimmung heißen.
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108 Es wird dies aus den bald folgenden Ausführungen noch deutlicher erhellen. Hier
109 möchte ich noch auf etwas anderes besonders aufmerksam machen: daß wir nämlich
110 durch einen Entschluß des Geistes nichts tun können, dessen wir uns nicht
111 erinnern. Wir können z.B. ein Wort, dessen wir uns nicht erinnern, nicht
112 aussprechen. Ferner, daß es nicht in der freien Macht des Geistes steht, sich
113 einer Sache zu erinnern oder sie zu vergessen. Daher glaubt man, es stehe nur in
114 der Macht des Geistes, über eine Sache, an die wir uns erinnern, zu schweigen
115 oder zu reden. Allein wenn wir träumen, daß wir reden, so glauben wir aus freier
116 Entschließung des Geistes zu reden und reden doch gar nicht, oder wenn wir
117 reden, so geschieht es durch eine willkürliche Bewegung des Körpers. Wir träumen
118 ferner auch, daß wir andern etwas verheimlichen, und zwar nach derselben
119 Entschließung des Geistes, nach welcher wir im wachen Zustande etwas
120 verschweigen, was wir wissen. Wir träumen endlich auch, daß wir nach der
121 Entschließung des Geistes etwas tun, was wir im wachen Zustande nicht zu tun
122 wagen. Ich möchte also fragen, ob es im Geiste zweierlei Arten von Entschlüssen
123 gibt, phantastische und freie?
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125 Wem nun aber diese alberne Annahme zu weit geht, der muß notwendig zugeben, daß
126 diese Entschließung des Geistes, die man für eine freie hält, sich von der
127 eigentlichen Vorstellung oder der Erinnerung nicht unterscheidet und nichts ist
128 als jene Bejahung, welche die Idee, sofern sie Idee ist, notwendig in sich
129 schließt (s. Lehrsatz 49, Teil 2). Also entstehen diese Entschlüsse des Geistes
130 nach derselben Notwendigkeit im Geiste wie die Ideen der wirklich existierenden
131 Dinge.
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133 Wer also glaubt, daß er nach freiem Entschluß des Geistes rede oder schweige
134 oder irgend etwas tue, der träumt mit offenen Augen.
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