3agde.md (3262B)
1 Ich sage zuerst, ein Affekt, auch Leidenschaft genannt, sei *eine verworrene 2 Idee.* Denn ich habe gezeigt (s. Lehrsatz 3 dieses Teils), daß der Geist nur 3 insofern leidet, sofern er inadäquate oder verworrene Ideen hat. – Ich sage 4 ferner, *durch welche der Geist von seinem Körper oder einem Teil desselben eine 5 größere oder geringere Existenzkraft bejaht als vorher*. Denn alle Ideen, welche 6 wir von Körpern haben, zeigen (nach Zusatz II zu Lehrsatz 16, Teil 2) mehr den 7 wirklichen Zustand unseres Körpers als die Natur des äußern Körpers an. 8 Diejenige Idee aber, welche die Form des Affekts ausmacht, muß denjenigen 9 Zustand des Körpers oder eines Teils desselben anzeigen oder ausdrücken, welchen 10 der Körper oder ein Teil desselben dadurch hat, daß sein Tätigkeitsvermögen oder 11 seine Existenzkraft vermehrt oder vermindert, gefördert oder gehemmt wird. 12 13 Es ist aber zu beachten, daß, wenn ich sage: »eine größere oder geringere 14 Existenzkraft als vorher«, ich nicht meine, daß der Geist den gegenwärtigen 15 Zustand des Körpers mit dem vergangenen vergleicht, sondern daß die Idee, welche 16 die Form des Affekts ausmacht, vom Körper etwas bejaht, was tatsächlich mehr 17 oder weniger Realität in sich schließt als vorher. Und weil das Wesen des 18 Geistes darin besteht (nach den Lehrsätzen 11 und 13, Teil 2), daß er die 19 wirkliche Existenz seines Körpers bejaht und wir unter Vollkommenheit das 20 eigentliche Wesen eines Dinges verstehen, so folgt, daß der Geist zu größerer 21 oder geringerer Vollkommenheit übergeht, sobald es geschieht, daß er von seinem 22 Körper oder von einem Teil desselben etwas bejaht, was mehr oder weniger 23 Realität in sich schließt als vorher. Wenn ich also oben sagte, daß das 24 Denkvermögen des Geistes vermehrt oder vermindert werde, so wollte ich nichts 25 anderes sagen, als daß der Geist von seinem Körper oder von einem Teil desselben 26 eine Idee gebildet habe, welche mehr oderweniger Realität ausdrückt, als er von 27 seinem Körper vorher bejaht hatte. Denn die Vorzüglichkeit der Ideen und das 28 wirkliche Denkvermögen wird nach der Vorzüglichkeit des Objekts geschätzt. 29 30 Ich habe endlich noch hinzugefügt: *und durch deren Vorhandensein der Geist 31 selbst bestimmt wird, mehr an dies als an jenes zu denken,* um damit außer der 32 Natur der Lust und der Unlust, welche der erste Teil der Definitionen erläutert, 33 auch die Natur der Begierde auszudrücken. 34 35 <table border="2" cellspacing="0" cellpadding="6" rules="groups" frame="hsides"> 36 37 38 <colgroup> 39 <col class="org-left" /> 40 41 <col class="org-left" /> 42 </colgroup> 43 <tbody> 44 <tr> 45 <td class="org-left">[fn1ref]</td> 46 <td class="org-left">NB. Unter »Menschen« sind hier und im folgenden solche Menschen zu verstehen, für welche wir keinen Affekt empfinden.</td> 47 </tr> 48 49 <tr> 50 <td class="org-left">[fn2ref]</td> 51 <td class="org-left">Ovid, Liebeselegien, Buch II, Elegie 19, V. 5 und 6.</td> 52 </tr> 53 54 <tr> 55 <td class="org-left">[fn3ref]</td> 56 <td class="org-left">NB. Daß dies möglich ist, obgleich der menschliche Geist ein Teil des göttlichen Verstandes ist, habe ich in der Anmerkung zu Lehrsatz 13, Teil 2, gezeigt.</td> 57 </tr> 58 59 <tr> 60 <td class="org-left">[fn4ref]</td> 61 <td class="org-left">In seiner Rede für Archias.</td> 62 </tr> 63 </tbody> 64 </table> 65 66