3ad29e.md (1019B)
1 Wir pflegen aber häufig dem Hochmut die *Demut* gegenüberzustellen; dann aber 2 haben wir mehr die Wirkung dieser beiden Affekte als ihre Natur im Auge. Denn 3 wir pflegen jemand hochmütig zu nennen, der sich übermäßig rühmt (s. Anmerkung 4 zu Lehrsatz 30 dieses Teils), der von sich nur Vorzüge, von andern nur Fehler 5 erzählt, der vor allen den Vorrang haben will und der endlich so gravitätisch 6 und prunkvoll auftritt wie Leute von weit höherer Stellung. Umgekehrt nennen wir 7 jemand demütig, der häufig errötet, der seine Fehler bekennt und die Vorzüge 8 anderer erzählt, der gegen andere zurücksteht und der endlich mit gesenktem 9 Haupt einhergeht und allen Prunk verschmäht. 10 11 Übrigens kommen diese Affekte, nämlich Demut und Kleinmut, sehr selten vor. Denn 12 die menschliche Natur, an sich betrachtet, widerstrebt ihnen in hohem Grade (s. 13 die Lehrsätze 13 und 54 dieses Teils). Daher sind die, welche für die 14 Kleinmütigsten und Demütigsten gehalten werden, häufig die ehrgeizigsten und 15 neidischsten. 16 17