2p49csc.md (15306B)
1 Damit habe ich die Ursache, aus der man gewöhnlich den Irrtum entspringen läßt, 2 gehoben. 3 4 Ich habe aber oben gezeigt, daß die Falschheit in einem bloßen Mangel besteht, 5 welchen die verstümmelten und verworrenen Ideen in sich schließen. Daher 6 schließt die falsche Idee, sofern sie falsch ist, keine Gewißheit in sich. Wenn 7 ich also sage, der Mensch beruhige sich bei dem Falschen und Zweifele nicht 8 daran, so sage ich darum nicht, daß er dessen gewiß sei, sondern nur, daß er 9 nicht daran zweifle oder daß er sich bei dem Falschen beruhigt, weil keine 10 Ursache vorhanden ist, welche bewirkt, daß seine Vorstellung schwankend wird. 11 Siehe hierüber die Anmerkung zu Lehrsatz 44 dieses Teils. Wenn also der Mensch 12 noch so zäh an dem Falschen hängt, so werden wir darum doch nicht sagen, er sei 13 dessen gewiß. Denn unter Gewißheit verstehen wir etwas Positives (s. Lehrsatz 43 14 dieses Teils mit der Anmerkung), nicht aber den Mangel des Zweifels. Unter 15 Mangel an Gewißheit aber verstehen wir Falschheit. 16 17 Es ist jedoch zur näheren Erklärung des vorigen Satzes etliches zu erinnern. 18 Ferner habe ich noch auf die Einwürfe zu antworten, welche gegen diese meine 19 Lehre erhoben werden können. Endlich halte ich es der Mühe wert, um alle 20 Bedenken zu beseitigen, auf einige nützliche Seiten dieser Lehre hinzuweisen. 21 Auf einige, sage ich; denn die wichtigsten werden besser aus dem, was im fünften 22 Teil ausgeführt wird, erkannt werden. 23 24 Ich fange also mit dem ersten an und erinnere die Leser, scharf zu unterscheiden 25 zwischen der *Idee* oder dem Begriff des Geistes und zwischen den *Bildern* der 26 Dinge, die wir vorstellen. Weiter ist es notwendig, zu unterscheiden zwischen 27 den *Ideen* und den *Worten*, mit welchen wir die Dinge bezeichnen. Denn weil diese 28 drei, nämlich Bilder, Worte und Ideen, von vielen entweder ganz miteinander 29 vermengt werden oder nicht scharf genug oder auch nicht vorsichtig genug 30 unterschieden werden, ist ihnen diese Lehre vom Willen, die doch zu wissen 31 geradezu notwendig ist, sowohl zum reinen Denken als auch zur weisen Einrichtung 32 des Lebens, gänzlich unbekannt geblieben. Weil diejenigen, welche glauben, die 33 Ideen bestünden in Bildern, die in uns durch die Begegnung der Körper entstehen, 34 sich einreden, daß jene Ideen der Dinge, von denen wir uns kein ähnliches Bild 35 machen können, keine Ideen wären, sondern nur Erdichtung, die wir aus freier 36 Willensentscheidung ersinnen; darum betrachten sie die Ideen wie stumme Gemälde 37 an einer Tafel und sehen, von diesem Vorurteil eingenommen, nicht, daß die Idee, 38 sofern sie Idee ist, eine Bejahung oder Verneinung in sich schließt. Diejenigen 39 ferner, welche die Worte mit den Ideen oder mit der Bejahung selbst, welche die 40 Idee in sich schließt, vermengen, glauben, sie könnten etwas wollen, was mit 41 ihrer Wahrnehmung im Widerspruch steht, weil sie etwas, das mit ihrer 42 Wahrnehmung im Widerspruch steht, mit bloßen Worten bejahen oder verneinen. 43 44 Diese Vorurteile wird aber der leicht ablegen können, der auf die Natur des 45 Denkens achtet, welche den Begriff der Ausdehnung keineswegs in sich schließt 46 und der demnach klar einsieht, daß die Idee (die ja eine Daseinsform des Denkens 47 ist) weder in dem Bild eines Dinges noch in Worten besteht. Denn das Wesen der 48 Worte und der Bilder wird von bloßen körperlichen Bewegungen gebildet, welche 49 das Begreifen des Geistes keineswegs in sich schließen. 50 51 Diese wenigen Erinnerungen hierüber mögen genügen ich gehe darum zu den 52 erwähnten Einwürfen über. 53 54 Der *erste* Einwurf ist, daß man als ausgemacht annimmt, der Wille erstrecke sich 55 weiter als der Verstand und sei daher von ihm verschieden. – Der Grund aber, 56 wegen dessen man glaubt, daß der Wille sich weiter erstrecke als der Verstand, 57 ist folgender: Wir machen, sagt man, an uns selbst die Erfahrung, daß wir, um 58 unendlich vielen Dingen, welche wir nicht erfassen, beizustimmen, keiner 59 größeren Fähigkeit beizustimmen oder zu bejahen und zu verneinen bedürfen, als 60 wir bereits haben, wohl aber einer größeren Fähigkeit des Verstehens. Es 61 unterscheidet sich also der Wille vom Verstand, indem dieser beschränkt ist, 62 jener aber unbeschränkt. 63 64 *Zweitens* kann uns eingewendet werden, daß die Erfahrung nichts deutlicher zu 65 lehren scheint, als daß wir unsere Meinung zurückhalten und den Dingen, die wir 66 begreifen, nicht beistimmen können. Dies wird auch dadurch bestätigt, daß man 67 von niemand sagt, er werde getäuscht, sofern er etwas begreift, sondern nur 68 sofern er beistimmt oder nicht beistimmt. Wer z.B. ein geflügeltes Pferd 69 erdichtet, gibt darum noch nicht zu, daß es ein geflügeltes Pferd gibt; d.h., er 70 hat sich nicht getäuscht, wenn er nicht zugleich annimmt, daß es ein geflügeltes 71 Pferd gibt. Daher scheint die Erfahrung nichts deutlicher zu lehren, als daß der 72 Wille oder die Fähigkeit beizustimmen frei ist und von der Fähigkeit des 73 Erkennens verschieden. 74 75 *Drittens* kann entgegengehalten werden, daß eine Bejahung nicht mehr Realität 76 zu enthalten scheint als eine andere; d.h., daß wir keines größeren Vermögens zu 77 bedürfen scheinen, um zu bejahen, daß etwas wahr sei, was wahr ist, als zu 78 bejahen, daß etwas wahr sei, was falsch ist. Wir machen aber die Wahrnehmung, 79 daß eine Idee mehr Realität oder Vollkommenheit hat als eine andere; denn um so 80 viel ein Objekt die andern an Vorzügen übertrifft, um so viel übertrifft auch 81 seine Idee die Ideen der andern an Vollkommenheit. Auch hieraus scheint sich ein 82 Unterschied zwischen Wille und Verstand zu ergeben. 83 84 *Viertens* kann eingewendet werden: Wenn derMensch nicht aus freiem Willen 85 handelt, was wird dann geschehen, wenn er im Gleichgewicht ist, wie Buridans 86 Esel? Wird er verhungern und verdursten? Gebe ich dieses zu, so scheine ich 87 einen Esel oder Menschen von Stein, nicht aber einen wirklichen Menschen zu 88 begreifen; leugne ich es aber, so folgt, daß der Mensch sich selbst bestimmt, 89 und er hat also die Fähigkeit, zu gehen und zu tun, wohin und was er will. 90 – 91 92 Außerdem kann vielleicht noch manches andere eingewendet werden. Da ich aber 93 nicht verpflichtet bin, alle möglichen Träumereien zusammenzutragen, so werde 94 ich nur die erwähnten Einwürfe zu beantworten suchen, und zwar so kurz als 95 möglich. 96 97 In bezug auf den *ersten* sage ich: Ich gebe zu, daß der Wille sich weiter 98 erstreckt als der Verstand, wenn man unter Verstand nur klare und deutliche 99 Ideen versteht. Ich bestreite aber, daß der Wille sich weiter erstreckt als die 100 Auffassung oder die Fähigkeit des Begreifens; und ich sehe wahrlich nicht ein, 101 warum die Fähigkeit des Wollens mehr eine unendliche zu nennen ist als die 102 Fähigkeit des Meinens. Denn so wie wir unendlich vieles (jedoch eins nach dem 103 andern, denn auf einmal kann man Unendliches nicht bejahen) mit derselben 104 Fähigkeit des Wollens bejahen können, so auch können wir mit derselben Fähigkeit 105 des Wahrnehmens unendlich viele Körper (einen nach dem andern nämlich) 106 wahrnehmen oder erfassen. Sagt man aber, es gebe unendlich vieles, das man nicht 107 erfassen kann, so erwidere ich, daß wir eben dieses durch kein Denken und 108 folglich auch durch keine Fähigkeit des Wollens erreichen können. Man sagt je 109 doch, wenn Gott bewirken wollte, daß wir auch das erfassen, so müßte er uns zwar 110 eine größere Fähigkeit der Auffassung, nicht aber eine größere Fähigkeit des 111 Wollens geben, als er uns bereits gegeben hat. Das ist dasselbe, als wenn man 112 sagte: Wenn Gott bewirken wollte, daß wir unendliche andere Wesen verstünden, so 113 wäre es zwar nötig, daß er uns einen größeren Verstand gäbe, nicht aber eine 114 allgemeinere Idee des Seins, als er gegeben hat, um dieselben unendlichen Wesen 115 zu umfassen, denn ich habe gezeigt, daßder Wille ein allgemeines Wesen ist oder 116 eine Idee, mit welcher wir alle einzelnen Willensakte, das ist das, was allen 117 gemeinsam ist, ausdrücken. Da man also diese allen Willensakten 118 gemeinschaftliche oder allgemeine Idee für eine Fähigkeit hält, so ist es 119 durchaus kein Wunder, wenn man sagt, diese Fähigkeit erstrecke sich über die 120 Grenzen des Verstandes hinaus ins unendliche. Denn das allgemeine gilt ebenso 121 von einem wie von vielen und von unendlichen Individuen. 122 123 Auf den *zweiten* Einwand antworte ich damit, daß ich bestreite, daß wir die 124 freie Macht haben, unser Urteil zurückzuhalten. Denn wenn wir sagen, ein Urteil 125 zurückhalten, so sagen wir nichts anderes, als daß der Betreffende sieht, daß er 126 die Sache nicht adäquat erfaßt. Das Zurückhalten des Urteils ist also in 127 Wirklichkeit ein Auffassen und kein freies Wollen. Um dies deutlicher 128 einzusehen, wollen wir einen Knaben annehmen, der ein Pferd vorstellt, aber 129 sonst nichts anderes erfaßt. Da nun diese Vorstellung des Pferdes die Existenz 130 in sich schließt (nach Zusatz zu Lehrsatz 17 dieses Teils) und der Knabe nichts 131 anderes erfaßt, was die Existenz des Pferdes aufhebt, so wird er notwendig das 132 Pferd als gegenwärtig betrachten, und er wird an dessen Existenz nicht zweifeln 133 können, obgleich er derselben nicht gewiß ist. Dies erfahren wir auch tagtäglich 134 im Traum, und ich glaube nicht, daß irgend jemand glaubt, er habe, während er 135 träumt, die freie Macht, sein Urteil über das, wovon er träumt, zurückzuhalten 136 und zu bewirken, daß er das, was er zu sehen träumt, nicht träume. Dennoch kommt 137 es vor, daß wir auch im Traum das Urteil zurückhalten, nämlich wenn wir träumen, 138 daß wir träumen. – Ich gebe ferner zu, daß niemand getäuscht wird, sofern 139 er auffaßt, d.h., ich gebe zu, daß die Vorstellungen des Geistes, an sich 140 betrachtet, keinen Irrtum in sich schließen (s. Anmerkung zu Lehrsatz 17 dieses 141 Teils); aber ich bestreite, daß der Mensch nichts bejahe, sofern er auffaßt. 142 Denn was ist ein geflügeltes Pferd auffassen anders, als bejahen, daß ein Pferd 143 Flügel habe. Denn wenn der Geist außer dem geflügelten Pferde nichts anderes 144 auffassen würde, so würde er dasselbe als sich gegenwärtig. betrachten, und er 145 hätte weder eine Ursache, an dessen Existenz zu zweifeln, noch auch die 146 Fähigkeit, anderer Meinung zu sein, es wäre denn, daß die Vorstellung eines 147 geflügelten Pferdes mit einer Idee verbunden ist, welche die Existenz eines 148 solchen Pferdes aufhebt oder auch, daß er merkt, daß die Idee des geflügelten 149 Pferdes, welche er hat, nicht adäquat ist. In diesem Falle aber wird er entweder 150 die Existenz eines solchen Pferdes notwendig leugnen oder notwendig an derselben 151 zweifeln. 152 153 Damit glaube ich auch auf den *dritten* Einwand geantwortet zu haben, nämlich 154 daß der Wille etwas Allgemeines ist, welches allen Ideen beigelegt wird und nur 155 das bezeichnet, was allen Ideen gemein ist, nämlich die Bejahung, deren 156 adäquates Wesen, sofern sie so abstrakt begriffen wird, deshalb in jeder Idee 157 sein muß und nur in dieser Hinsicht in allen dieselbe; nicht aber, sofern sie 158 als das Wesen der Idee ausmachend betrachtet wird, denn insofern unterscheiden 159 sich die einzelnen Bejahungen ebenso untereinander wie die Ideen selbst. Zum 160 Beispiel die Bejahung, welche die Idee des Kreises in sich schließt, 161 unterscheidet sich von jener, welche die Idee des Dreiecks in sich schließt, 162 ebenso wie die Idee des Kreises von der Idee des Dreiecks. Weiter bestreite ich 163 entschieden, daß wir des gleichen Denkvermögens bedürfen, um zu bejahen, daß 164 wahr sei, was wahr ist, als zu bejahen, daß wahr sei, was falsch ist. Denn diese 165 beiden Bejahungen verhalten sich, wenn man auf den Geist sieht, zueinander wie 166 Sein zu Nichtsein. Denn es ist in den Ideen nichts Positives, was die Form der 167 Falschheit ausmacht (s. Lehrsatz 35 dieses Teils mit seiner Anmerkung und die 168 Anmerkung zu Lehrsatz 47 dieses Teils). Es ist hier deshalb besonders darauf 169 aufmerksam zu machen, wie leicht man sich täuscht, wenn man das Allgemeine mit 170 dem Einzelnen und die Dinge, welche nur in der Vernunft sind, das Abstrakte, mit 171 den wirklichen Dingen vermengt. 172 173 Was endlich den *vierten* Einwand anbelangt, so sage ich, daß ich vollständig 174 zugebe, daß ein Mensch, der sich in einer solchen Gleichgewichtlage befindet 175 (nämlich der nichts anderes als Hunger und Durst und solche Speise und solchen 176 Trank wahrnimmt, die gleich weit von ihm entfernt sind), vor Hunger und Durst 177 umkommen wird. Fragt man mich aber, ob ein solcher Mensch nicht eher für einen 178 Esel als für einen Menschen zu halten ist, so sage ich, daß ich es nicht wisse, 179 wie ich auch nicht weiß, für was ein Mensch zu halten ist, der sich erhängt, und 180 für was Kinder, Toren und Wahnsinnige zu halten sind. 181 182 Es erübrigt noch anzugeben, wie nützlich die Erkenntnis dieser Lehre für das 183 praktische Leben ist. Es ist dies leicht aus folgendem ersichtlich: 184 185 1. Lehrt sie, daß wir nach der bloßen Willensmeinung Gottes handeln und der 186 göttlichen Natur teilhaftig sind, und das um so mehr, je mehr Vollkommenheit 187 unsere Handlungen haben und je mehr und mehr wir Gott erkennen. Diese Lehre 188 hat also neben dem, daß sie dem Gemüt vollständige Beruhigung verschafft, 189 auch noch das Gute, daß sie uns das lehrt, worin unser höchstes Glück oder 190 unsere Glückseligkeit besteht, nämlich in der bloßen Erkenntnis Gottes, durch 191 welche wir veranlagt werden nur das zu tun, was Liebe und Frömmigkeit 192 heischen. Daraus ersehen wir klar, wie weit jene von der wahren Schätzung der 193 Tugend entfernt sind, die für Tugend und gute Handlungen wie für sehr schwere 194 Dienstleistungen die höchsten Belohnungen von Gott erwarten; als ob die 195 Tugend und der Dienst Gottes nicht selbst schon das Glück und die höchste 196 Freiheit wären. 197 198 2. Lehrt sie, wie wir uns gegen die Fügungen des Schicksals oder das, was nicht 199 in unserer Macht steht, das ist, gegen die Dinge, die nicht aus unserer Natur 200 folgen, verhalten müssen, nämlich: das eine wie das andere Antlitz des 201 Schicksals mit Gleichmut erwarten und ertragen; weil ja alles aus dem ewigen 202 Ratschluß Gottes mit derselben Notwendigkeit folgt, wie aus dem Wesen des 203 Dreiecksfolgt, daß seine Winkel zwei rechten Winkeln gleich sind. 204 205 3. Fördert diese Lehre das gesellschaftliche Leben, sofern sie lehrt, niemand zu 206 hassen, zu verachten, zu verspotten, auf niemand zu zürnen, niemand zu 207 beneiden; und sofern sie weiter lehrt, daß jeder sich mit dem Seinigen 208 begnüge und dem Nebenmenschen hilfreich beistehe, nicht aus weibischem 209 Mitleid, aus Parteilichkeit oder aus Aberglauben, sondern lediglich nach 210 Anleitung der Vernunft, je nachdem es Zeit und Umstände erfordern, wie ich im 211 dritten Teil zeigen werde. 212 213 4. Endlich fördert diese Lehre auch nicht wenig das staatliche Gemeinwesen, 214 sofern sie lehrt, auf welche Weise die Bürger zu regieren und zu leiten 215 sind, nämlich so, daß sie nicht knechtisch gehorchen, sondern aus freiem 216 Antrieb das Gute tun. 217 218 Damit habe ich erledigt, was ich in dieser Anmerkung zu behandeln mir vorgesetzt 219 hatte, und so schließe ich hiermit diesen unsern zweiten Teil. Ich glaube, darin 220 die Natur des menschlichen Geistes und seine Eigenschaften ausführlich genug 221 und, soweit es die Schwierigkeit des Gegenstandes gestattet, klar 222 auseinandergesetzt und damit solche Sätze aufgestellt zu haben, aus welchen viel 223 Treffliches, höchst Nützliches und zum Wissen Notwendiges geschlossen werden 224 kann; wie sich teilweise aus dem Nachfolgenden ergehen wird. 225 226