2p10csc.md (2241B)
1 Sicherlich muß jedermann einräumen, daß ohne Gott nichts sein noch 2 begriffen werden kann. Denn allgemein wird zugestanden, daß Gott die 3 einzige Ursache aller Dinge ist sowohl ihres Wesens als auch ihrer 4 Existenz d.h., Gott ist, wie man zu sagen pflegt, die Ursache der Dinge, 5 nicht bloß in bezug auf das Werden, sondern auch in bezug auf das Sein. 6 Dabei aber sagen die meisten, zum Wesen eines Dinges gehöre das, ohne 7 welches ein Ding nicht sein noch begriffen werden kann. Daher glauben 8 sie entweder, die Natur Gottes gehöre zum Wesen der geschaffenen Dinge, 9 oder die geschaffenen Dinge könnenohne Gott entweder sein oder 10 begriffen werden; oder vielmehr sie sind selbst nicht recht klar 11 darüber. 12 13 Der Grund davon liegt nach meiner Meinung darin, daß sie den 14 ordnungsmäßigen Gang des Philosophierens nicht eingehalten haben. Denn 15 die göttliche Natur, welche sie vor allen hätten in Betracht ziehen 16 müssen, weil sie sowohl der Erkenntnis als der Natur nach die erste ist 17 in der Reihe der Erkenntnis, hielten sie für die letzte, und die Dinge, 18 welche Sinnesobjekte genannt werden, hielten sie für die ersten unter 19 allen. So kam es, daß sie bei der Betrachtung der natürlichen Dinge an 20 nichts weniger dachten als an die göttliche Natur und daß sie nachher, 21 als sie sich zur Betrachtung der göttlichen Natur wendeten, an nichts 22 weniger denken konnten als an ihre ersten Phantasiegebilde, worauf sie 23 die Erkenntnis der natürlichen Dinge gebaut hatten, weil sie ihnen 24 nämlich zur Erkenntnis der göttlichen Natur nichts helfen konnten. Kein 25 Wunder daher, daß sie sich mitunter widersprechen. 26 27 Doch lassen wir das. Meine Absicht war hier ja nur, den Grund anzugeben, 28 weshalb ich nicht sagte, zum Wesen eines Dinges gehöre das, ohne welches 29 das Ding weder sein noch begriffen werden kann; nämlich weil die 30 Einzeldinge ohne Gott weder sein noch begriffen werden können und 31 dennoch Gott zu ihrem Wesen nicht gehört. Dasjenige, sagte ich vielmehr, 32 macht notwendig das Wesen eines Dinges aus, mit welchem, wenn es gegeben 33 ist, auch das Ding gesetzt wird, und wenn es aufgehoben ist, auch das 34 Ding aufgehoben wird; oder das, ohne welches das Ding, und umgekehrt, 35 welches ohne das Ding weder sein noch begriffen werden kann. 36 37