1p8sc2.md (5620B)
1 Ich zweifle nicht, daß es allen, welche über die Dinge unklar urteilen und nicht 2 gewohnt sind, die Dinge nach ihren ersten Gründen zu erkennen, schwerfallen 3 wird, den Beweis des 7. Lehrsatzes zu begreifen; weil sie nämlich keinen 4 Unterschied machen zwischen den *Modifikationen* der Substanzen und den *Substanzen* 5 selbst, und nicht wissen, auf welche Weise die Dinge hervorgebracht werden. 6 Daher kommt es, daß sie den Substanzen einen Anfang andichten, weil sie sehen, 7 daß die Naturdinge einen Anfang haben. Denn diejenigen, welche die wahren Gründe 8 der Dinge nicht kennen, werfen alles durcheinander und lassen ohne Widerstreben 9 ihres Geistes Bäume wie Menschen reden und Menschen aus Steinen wie aus Samen 10 entstehen, oder bilden sich ein, es könne sich jede Form in jede beliebige 11 andere verwandeln. 12 13 So schreiben auch die, welche die göttliche Natur mit der menschlichen 14 verwechseln, ohne Bedenken Gott menschliche Affekte zu, namentlich solange sie 15 auch nicht wissen, auf welche Weise die Affekte in der Seele entstehen. 16 17 Würden dagegen die Menschen auf die Natur der Substanz genau achten, so würden 18 sie die Wahrheit des 7. Lehrsatzes keinen Augenblick bezweifeln; ja dieser Satz 19 würde jedermann als Axiom gelten und zu den Gemeinbegriffen gezählt werden. Denn 20 unter Substanz würden sie alsdann das verstehen, was in sich ist und durch sich 21 begriffen wird, d.h. etwas, dessen Erkenntnis nicht die Erkenntnis eines andern 22 Dinges nötig hat; unter Modifikationen aber das, was in einem andern ist und 23 derenBegriff nach dem Begriff des Dinges, in welchem sie sind, gebildet wird. 24 Daher auch können wir richtige Ideen von Modifikationen haben, welche nicht 25 existieren, weil nämlich, obschon sie außerhalb des Geistes nicht wirklich 26 existieren, ihr Wesen doch in einem andern so enthalten ist, daß sie durch 27 dieses begriffen werden können. Die Wahrheit der Substanzen aber ist außerhalb 28 des Geistes nirgends als in ihnen selbst, weil sie durch sich begriffen werden. 29 30 Wenn also jemand sagen würde, er habe eine klare und deutliche, d.h. wahre Idee 31 von einer Substanz und zweifele trotzdem, ob eine solche Substanz existiere, so 32 wäre das wahrlich ebenso, als würde er sagen, er habe eine wahre Idee und 33 zweifele trotzdem, ob sie nicht falsch sei (wie jedem klar sein wird, der die 34 Sache beim rechten Licht betrachtet). So wenn jemand behaupten würde, eine 35 Substanz werde geschaffen, so behauptet er zugleich, daß eine falsche Idee wahr 36 geworden sei. Widersinnigeres als dieses kann wahrlich nicht gedacht werden. 37 Daher muß man notwendig zugeben, daß die Existenz der Substanz, ebenso wie ihr 38 Wesen, ewige Wahrheit sei. 39 40 Wir können hier auch noch auf eine andere Weise den Schluß ziehen, daß es nur 41 eine einzige Substanz von gleicher Natur geben könne, und ich halte es der Mühe 42 wert, dies hier zu zeigen. Um ordnungsgemäß zu verfahren, bemerke ich folgendes: 43 44 1. daß eine richtige Definition eines jeden Dinges nichts in sich schließt noch 45 ausdrückt als die Natur des definierten Dinges. Daraus folgt 46 47 2. daß keine Definition eine bestimmte Zahl von Individuen in sich schließt 48 oder ausdrückt, da sie eben nichts anderes ausdrückt als die Natur des 49 definierten Dinges. Zum Beispiel die Definition eines Dreiecks drückt nichts 50 anderes aus als die einfache Natur des Dreiecks, nicht aber eine bestimmte 51 Zahl von Dreiecken; 52 53 3. ist zu beachten, daß es von jedwedem existierenden Ding irgendeine bestimmte 54 Ursache geben muß, weswegen es existiert; 55 56 4. endlich ist zu beachten, daß diese Ursache, weswegen ein Ding existiert, 57 entweder in der Natur selbst und der Definition des existierenden Dinges 58 enthalten sein muß (weil nämlich das Dasein zur Natur desselben gehört), oder 59 daß diese Ursache außerhalb derselben liegen muß. 60 61 Aus diesen Sätzen folgt, daß, wenn in der Natur irgendeine bestimmte Anzahl von 62 Individuen existiert, es notwendig eine Ursache geben muß, weshalb jene 63 Individuen und weshalb nicht mehr oder weniger existieren. Wenn z.B. in der 64 Natur zwanzig Menschen vorhanden wären (von denen ich, der größeren Deutlichkeit 65 wegen, annehme, daß sie gleichzeitig existieren und daß keine andern vor ihnen 66 existierten), so wird es nicht genügen (um nämlich den Grund anzugeben, weshalb 67 zwanzig Menschen existieren), die Ursache der menschlichen Natur im allgemeinen 68 darzutun, sondern es wird außerdem nötig sein, die Ursache darzutun, weshalb 69 nicht mehr noch weniger als zwanzig existieren; da es (nach Punkt 3) von jedem 70 notwendig eine Ursache geben muß, weswegen es existiert. Diese Ursache kann nun 71 aber (nach Punkt 2 und 3) nicht in der menschlichen Natur selbst enthalten sein, 72 da die wahre Definition des Menschen die Zahl Zwanzig nicht in sich schließt; es 73 muß also (nach Punkt 4) die Ursache, weshalb diese zwanzig Menschen existieren 74 und folglich auch, warum jeder einzelne existiert, notwendig außerhalb eines 75 jeden liegen. Daher muß man unbedingt den Schluß ziehen, daß alles, von dessen 76 Natur mehrere Individuen existieren können, notwendig eine äußere Ursache für 77 sein Dasein haben muß. Da es nun zur Natur der Substanz gehört zu existieren 78 (wie in dieser Anmerkung bereits gezeigt worden), so muß ihre Definition 79 notwendige Existenz in sich schließen, und folglich muß aus ihrer bloßen 80 Definition ihre Existenz geschlossen werden. Dagegen kann aus ihrer Definition 81 (wie bereits aus Punkt 2 und 3 dargetan) nicht die Existenz mehrerer Substanzen 82 folgen. Es folgt somit aus ihr mit Notwendigkeit, daß nur eine einzige Substanz 83 von gleicher Natur existiert, wie im Lehrsatz behauptet wurde. 84 85