ethica

Spinozas ethics and various translations, edited for easy post processing.
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 1 Ich zweifle nicht, daß es allen, welche über die Dinge unklar urteilen und nicht
 2 gewohnt sind, die Dinge nach ihren ersten Gründen zu erkennen, schwerfallen
 3 wird, den Beweis des 7. Lehrsatzes zu begreifen; weil sie nämlich keinen
 4 Unterschied machen zwischen den *Modifikationen* der Substanzen und den *Substanzen*
 5 selbst, und nicht wissen, auf welche Weise die Dinge hervorgebracht werden.
 6 Daher kommt es, daß sie den Substanzen einen Anfang andichten, weil sie sehen,
 7 daß die Naturdinge einen Anfang haben. Denn diejenigen, welche die wahren Gründe
 8 der Dinge nicht kennen, werfen alles durcheinander und lassen ohne Widerstreben
 9 ihres Geistes Bäume wie Menschen reden und Menschen aus Steinen wie aus Samen
10 entstehen, oder bilden sich ein, es könne sich jede Form in jede beliebige
11 andere verwandeln.
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13 So schreiben auch die, welche die göttliche Natur mit der menschlichen
14 verwechseln, ohne Bedenken Gott menschliche Affekte zu, namentlich solange sie
15 auch nicht wissen, auf welche Weise die Affekte in der Seele entstehen.
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17 Würden dagegen die Menschen auf die Natur der Substanz genau achten, so würden
18 sie die Wahrheit des 7. Lehrsatzes keinen Augenblick bezweifeln; ja dieser Satz
19 würde jedermann als Axiom gelten und zu den Gemeinbegriffen gezählt werden. Denn
20 unter Substanz würden sie alsdann das verstehen, was in sich ist und durch sich
21 begriffen wird, d.h. etwas, dessen Erkenntnis nicht die Erkenntnis eines andern
22 Dinges nötig hat; unter Modifikationen aber das, was in einem andern ist und
23 derenBegriff nach dem Begriff des Dinges, in welchem sie sind, gebildet wird.
24 Daher auch können wir richtige Ideen von Modifikationen haben, welche nicht
25 existieren, weil nämlich, obschon sie außerhalb des Geistes nicht wirklich
26 existieren, ihr Wesen doch in einem andern so enthalten ist, daß sie durch
27 dieses begriffen werden können. Die Wahrheit der Substanzen aber ist außerhalb
28 des Geistes nirgends als in ihnen selbst, weil sie durch sich begriffen werden.
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30 Wenn also jemand sagen würde, er habe eine klare und deutliche, d.h. wahre Idee
31 von einer Substanz und zweifele trotzdem, ob eine solche Substanz existiere, so
32 wäre das wahrlich ebenso, als würde er sagen, er habe eine wahre Idee und
33 zweifele trotzdem, ob sie nicht falsch sei (wie jedem klar sein wird, der die
34 Sache beim rechten Licht betrachtet). So wenn jemand behaupten würde, eine
35 Substanz werde geschaffen, so behauptet er zugleich, daß eine falsche Idee wahr
36 geworden sei. Widersinnigeres als dieses kann wahrlich nicht gedacht werden.
37 Daher muß man notwendig zugeben, daß die Existenz der Substanz, ebenso wie ihr
38 Wesen, ewige Wahrheit sei.
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40 Wir können hier auch noch auf eine andere Weise den Schluß ziehen, daß es nur
41 eine einzige Substanz von gleicher Natur geben könne, und ich halte es der Mühe
42 wert, dies hier zu zeigen. Um ordnungsgemäß zu verfahren, bemerke ich folgendes:
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44 1. daß eine richtige Definition eines jeden Dinges nichts in sich schließt noch
45    ausdrückt als die Natur des definierten Dinges. Daraus folgt
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47 2. daß keine Definition eine bestimmte Zahl von Individuen in sich schließt
48    oder ausdrückt, da sie eben nichts anderes ausdrückt als die Natur des
49    definierten Dinges. Zum Beispiel die Definition eines Dreiecks drückt nichts
50    anderes aus als die einfache Natur des Dreiecks, nicht aber eine bestimmte
51    Zahl von Dreiecken;
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53 3. ist zu beachten, daß es von jedwedem existierenden Ding irgendeine bestimmte
54    Ursache geben muß, weswegen es existiert;
55    
56 4. endlich ist zu beachten, daß diese Ursache, weswegen ein Ding existiert,
57    entweder in der Natur selbst und der Definition des existierenden Dinges
58    enthalten sein muß (weil nämlich das Dasein zur Natur desselben gehört), oder
59    daß diese Ursache außerhalb derselben liegen muß.
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61 Aus diesen Sätzen folgt, daß, wenn in der Natur irgendeine bestimmte Anzahl von
62 Individuen existiert, es notwendig eine Ursache geben muß, weshalb jene
63 Individuen und weshalb nicht mehr oder weniger existieren. Wenn z.B. in der
64 Natur zwanzig Menschen vorhanden wären (von denen ich, der größeren Deutlichkeit
65 wegen, annehme, daß sie gleichzeitig existieren und daß keine andern vor ihnen
66 existierten), so wird es nicht genügen (um nämlich den Grund anzugeben, weshalb
67 zwanzig Menschen existieren), die Ursache der menschlichen Natur im allgemeinen
68 darzutun, sondern es wird außerdem nötig sein, die Ursache darzutun, weshalb
69 nicht mehr noch weniger als zwanzig existieren; da es (nach Punkt 3) von jedem
70 notwendig eine Ursache geben muß, weswegen es existiert. Diese Ursache kann nun
71 aber (nach Punkt 2 und 3) nicht in der menschlichen Natur selbst enthalten sein,
72 da die wahre Definition des Menschen die Zahl Zwanzig nicht in sich schließt; es
73 muß also (nach Punkt 4) die Ursache, weshalb diese zwanzig Menschen existieren
74 und folglich auch, warum jeder einzelne existiert, notwendig außerhalb eines
75 jeden liegen. Daher muß man unbedingt den Schluß ziehen, daß alles, von dessen
76 Natur mehrere Individuen existieren können, notwendig eine äußere Ursache für
77 sein Dasein haben muß. Da es nun zur Natur der Substanz gehört zu existieren
78 (wie in dieser Anmerkung bereits gezeigt worden), so muß ihre Definition
79 notwendige Existenz in sich schließen, und folglich muß aus ihrer bloßen
80 Definition ihre Existenz geschlossen werden. Dagegen kann aus ihrer Definition
81 (wie bereits aus Punkt 2 und 3 dargetan) nicht die Existenz mehrerer Substanzen
82 folgen. Es folgt somit aus ihr mit Notwendigkeit, daß nur eine einzige Substanz
83 von gleicher Natur existiert, wie im Lehrsatz behauptet wurde.
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