ethica

Spinozas ethics and various translations, edited for easy post processing.
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 1 Aus Vorstehendem folgt klar, daß die Dinge in höchster Vollkommenheit von Gott
 2 hervorgebracht worden sind da sie ja aus der gegebenen vollkommensten Natur mit
 3 Notwendigkeit erfolgt sind. Und zwar wird damit Gott nicht irgendeiner
 4 Unvollkommenheit geziehen, denn eben dessen Vollkommenheit nötigt uns, dies zu
 5 behaupten. Es würde sogar aus dem Gegenteil klar folgen (wie ich
 6 bereitsgezeigt), daß Gott nicht höchst vollkommen wäre; weil man nämlich, wenn
 7 die Dinge auf andere Weise hervorgebracht wären, Gott eine andere Natur
 8 zuschreiben müßte, verschieden von derjenigen, welche wir aus der Betrachtung
 9 des höchsten Wesens demselben zuzuschreiben genötigt sind.
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11 Indessen zweifle ich nicht, daß viele diese Ansicht als eine widersinnige
12 verspotten und gar keine Lust haben, sie näher zu erwägen, und zwar aus keinem
13 andern Grunde, als weil sie Gott eine andere Freiheit zuzuschreiben gewöhnt
14 sind, ganz verschieden von derjenigen, welche von mir (Definition 7) dargelegt
15 wurde; nämlich einen absoluten Willen. Allein, ich zweifle auch wieder nicht,
16 daß, wenn sie über die Sache nachdenken und die Reihe meiner Beweise genau
17 erwägen würden, sie selbst schließlich eine solche Freiheit, wie sie Gott eine
18 zuschreiben, nicht bloß als Verkehrtheit, sondern auch als großes Hindernis des
19 Wissens vollständig verwerfen würden. Es ist unnötig, hier zu wiederholen, was
20 in der Anmerkung zu Lehrsatz 17 gesagt wurde. Doch will ich ihnen zuliebe noch
21 zeigen, daß, wenn auch eingeräumt würde, daß der Wille zum Wesen Gottes gehöre,
22 nichtsdestoweniger aus dessen Vollkommenheit folgte, daß die Dinge auf keine
23 andre Weise und nach keiner andern Ordnung von Gott geschaffen werden konnten.
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25 Es wird dies leicht gezeigt werden können, wenn wir zunächst das betrachten, was
26 die Gegner selbst einräumen, nämlich daß es allein von Gottes Beschluß und
27 Willen abhängt, daß jedes Ding ist, was es ist; denn sonst wäre Gott nicht die
28 Ursache aller Dinge. Ferner, daß alle Beschlüsse Gottes von Ewigkeit her von
29 Gott selbst gefaßt waren; denn sonst würde Gott der Unvollkommenheit und
30 Unbeständigkeit geziehen werden. Da es nun in der Ewigkeit kein Wann gibt, kein
31 Vorher und kein Nachher, so folgt hieraus, nämlich aus der bloßen Vollkommenheit
32 Gottes, daß Gott nie etwas anderes beschließen konnte oder daß Gott vor seinen
33 Beschlüssen nicht gewesen ist noch ohne sie sein kann.
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35 Aber, sagen die Gegner, wenn auch angenommen würde, daß Gott eine andere Natur
36 gemacht hätte oder daß er von Ewigkeit her etwas anderes über die Natur und ihre
37 Ordnung beschlossen hätte, so würde daraus doch keine Unvollkommenheit in Gott
38 folgen. – Allein, wenn sie das sagen, so geben sie zugleich zu, daß Gott seine
39 Beschlüsse ändern könne. Denn wenn Gott über die Natur und ihre Ordnung anderes
40 beschlossen hätte, als er beschlossen hat, d.h., wenn er über die Natur etwas
41 anderes gewollt und gedacht hätte, so hätte er notwendig einen andern Verstand,
42 als er wirklich hat, und einen andern Willen, als er wirklich hat. Und wenn man
43 Gott einen andern Verstand und einen andern Willen zuschreiben darf, ohne
44 irgendeine Veränderung seines Wesens und seiner Vollkommenheit, welcher Grund
45 wäre vorhanden, daß Gott nicht jetzt seine Beschlüsse über die geschaffenen
46 Dinge ändern und dabei doch gleich vollkommen bleiben könnte? Denn in bezug auf
47 sein Wesen und seine Vollkommenheit ist es ja einerlei, auf welche Weise sein
48 Verstand und sein Wille begriffen wird. Ferner geben alle mir bekannten
49 Philosophen zu, daß es in Gott keinen potentiellen Verstand, sondern nur einen
50 wirklichen gibt. Da aber sowohl sein Verstand als auch sein Wille sich von
51 seinem Wesen nicht unterscheidet, was ebenfalls alle zugeben, so folgt daraus
52 auch, daß, wenn Gott einen andern Verstand in der Wirklichkeit gehabt hätte und
53 einen andern Willen, auch sein Wesen notwendig ein anderes wäre, und ferner, daß
54 (wie ich anfangs geschlossen), wenn die Dinge anders, als sie wirklich sind, von
55 Gott hervorgebracht worden wären, der Verstand Gottes und sein Wille, d.h. (wie
56 zugegeben wird) sein Wesen, ein anderes sein müßte, was widersinnig wäre.
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58 Da also die Dinge auf keine andere Weise und in keiner andern Ordnung von Gott
59 hervorgebracht werden konnten und die Wahrheit dieser Behauptung aus der
60 höchsten Vollkommenheit Gottes folgt, so kann gewiß keine gesunde Vernunft uns
61 überreden zu glauben, Gott habe nicht alles, was in seinem Verstand ist, mit
62 derselbenVollkommenheit, womit er es gedacht, erschaffen wollen. Indessen wird
63 man sagen: In den Dingen ist weder Vollkommenheit noch Unvollkommenheit, sondern
64 dasjenige in ihnen, weshalb sie vollkommen oder unvollkommen sind, gut oder
65 schlecht heißen, hängt vom Willen Gottes allein ab. Hätte daher Gott gewollt, so
66 hätte er machen können, daß das, was jetzt Vollkommenheit ist, die höchste
67 Unvollkommenheit wäre, und umgekehrt. – Allein, was hieße dies anders, als
68 offen behaupten, Gott, der doch das, was er will, notwendig denkt, könne durch
69 seinen Willen machen, daß er die Dinge auf andere Weise denkt, als er sie denkt;
70 was (wie ich bereits gezeigt) ein großer Unsinn ist.
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72 Ich kann daher den Beweis gegen die Gegner selbst folgendermaßen umkehren: Alles
73 hängt ab von der Macht Gottes. Sollten daher die Dinge anders beschaffen sein
74 können, so müßte notwendig auch der Wille Gottes anders beschaffen sein. Nun
75 kann aber der Wille Gottes nicht anders beschaffen sein (wie ich bereits aus der
76 Vollkommenheit Gottes sehr klar gezeigt habe). Folglich können die Dinge nicht
77 anders beschaffen sein.
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79 Ich gestehe, daß diese Meinung, welche alles einem gewissen indifferenten Willen
80 Gottes unterwirft und von seinem Gutdünken alles abhängig sein läßt, weniger von
81 der Wahrheit abirrt als die Meinung jener, welche behaupten, Gott mache alles
82 unter dem Gesichtspunkt des Guten. Denn diese scheinen etwas außer Gott
83 anzunehmen, das von Gott nicht abhängt und das Gott bei seinem Wirken sich zum
84 Muster nimmt oder auf das er, wie auf ein bestimmtes Ziel, hinarbeitet. Dies
85 heißt wahrlich nichts anderes, als Gott dem Fatum unterwerfen; das
86 Widersinnigste, was man von Gott behaupten kann, der, wie gezeigt wurde, die
87 erste und einzige freie Ursache ist sowohl des Wesens aller Dinge wie auch ihrer
88 Existenz. Ich habe daher nicht nötig, mit der Widerlegung dieses Unsinns die
89 Zeit zu vergeuden.
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