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1 Aus Vorstehendem folgt klar, daß die Dinge in höchster Vollkommenheit von Gott 2 hervorgebracht worden sind da sie ja aus der gegebenen vollkommensten Natur mit 3 Notwendigkeit erfolgt sind. Und zwar wird damit Gott nicht irgendeiner 4 Unvollkommenheit geziehen, denn eben dessen Vollkommenheit nötigt uns, dies zu 5 behaupten. Es würde sogar aus dem Gegenteil klar folgen (wie ich 6 bereitsgezeigt), daß Gott nicht höchst vollkommen wäre; weil man nämlich, wenn 7 die Dinge auf andere Weise hervorgebracht wären, Gott eine andere Natur 8 zuschreiben müßte, verschieden von derjenigen, welche wir aus der Betrachtung 9 des höchsten Wesens demselben zuzuschreiben genötigt sind. 10 11 Indessen zweifle ich nicht, daß viele diese Ansicht als eine widersinnige 12 verspotten und gar keine Lust haben, sie näher zu erwägen, und zwar aus keinem 13 andern Grunde, als weil sie Gott eine andere Freiheit zuzuschreiben gewöhnt 14 sind, ganz verschieden von derjenigen, welche von mir (Definition 7) dargelegt 15 wurde; nämlich einen absoluten Willen. Allein, ich zweifle auch wieder nicht, 16 daß, wenn sie über die Sache nachdenken und die Reihe meiner Beweise genau 17 erwägen würden, sie selbst schließlich eine solche Freiheit, wie sie Gott eine 18 zuschreiben, nicht bloß als Verkehrtheit, sondern auch als großes Hindernis des 19 Wissens vollständig verwerfen würden. Es ist unnötig, hier zu wiederholen, was 20 in der Anmerkung zu Lehrsatz 17 gesagt wurde. Doch will ich ihnen zuliebe noch 21 zeigen, daß, wenn auch eingeräumt würde, daß der Wille zum Wesen Gottes gehöre, 22 nichtsdestoweniger aus dessen Vollkommenheit folgte, daß die Dinge auf keine 23 andre Weise und nach keiner andern Ordnung von Gott geschaffen werden konnten. 24 25 Es wird dies leicht gezeigt werden können, wenn wir zunächst das betrachten, was 26 die Gegner selbst einräumen, nämlich daß es allein von Gottes Beschluß und 27 Willen abhängt, daß jedes Ding ist, was es ist; denn sonst wäre Gott nicht die 28 Ursache aller Dinge. Ferner, daß alle Beschlüsse Gottes von Ewigkeit her von 29 Gott selbst gefaßt waren; denn sonst würde Gott der Unvollkommenheit und 30 Unbeständigkeit geziehen werden. Da es nun in der Ewigkeit kein Wann gibt, kein 31 Vorher und kein Nachher, so folgt hieraus, nämlich aus der bloßen Vollkommenheit 32 Gottes, daß Gott nie etwas anderes beschließen konnte oder daß Gott vor seinen 33 Beschlüssen nicht gewesen ist noch ohne sie sein kann. 34 35 Aber, sagen die Gegner, wenn auch angenommen würde, daß Gott eine andere Natur 36 gemacht hätte oder daß er von Ewigkeit her etwas anderes über die Natur und ihre 37 Ordnung beschlossen hätte, so würde daraus doch keine Unvollkommenheit in Gott 38 folgen. – Allein, wenn sie das sagen, so geben sie zugleich zu, daß Gott seine 39 Beschlüsse ändern könne. Denn wenn Gott über die Natur und ihre Ordnung anderes 40 beschlossen hätte, als er beschlossen hat, d.h., wenn er über die Natur etwas 41 anderes gewollt und gedacht hätte, so hätte er notwendig einen andern Verstand, 42 als er wirklich hat, und einen andern Willen, als er wirklich hat. Und wenn man 43 Gott einen andern Verstand und einen andern Willen zuschreiben darf, ohne 44 irgendeine Veränderung seines Wesens und seiner Vollkommenheit, welcher Grund 45 wäre vorhanden, daß Gott nicht jetzt seine Beschlüsse über die geschaffenen 46 Dinge ändern und dabei doch gleich vollkommen bleiben könnte? Denn in bezug auf 47 sein Wesen und seine Vollkommenheit ist es ja einerlei, auf welche Weise sein 48 Verstand und sein Wille begriffen wird. Ferner geben alle mir bekannten 49 Philosophen zu, daß es in Gott keinen potentiellen Verstand, sondern nur einen 50 wirklichen gibt. Da aber sowohl sein Verstand als auch sein Wille sich von 51 seinem Wesen nicht unterscheidet, was ebenfalls alle zugeben, so folgt daraus 52 auch, daß, wenn Gott einen andern Verstand in der Wirklichkeit gehabt hätte und 53 einen andern Willen, auch sein Wesen notwendig ein anderes wäre, und ferner, daß 54 (wie ich anfangs geschlossen), wenn die Dinge anders, als sie wirklich sind, von 55 Gott hervorgebracht worden wären, der Verstand Gottes und sein Wille, d.h. (wie 56 zugegeben wird) sein Wesen, ein anderes sein müßte, was widersinnig wäre. 57 58 Da also die Dinge auf keine andere Weise und in keiner andern Ordnung von Gott 59 hervorgebracht werden konnten und die Wahrheit dieser Behauptung aus der 60 höchsten Vollkommenheit Gottes folgt, so kann gewiß keine gesunde Vernunft uns 61 überreden zu glauben, Gott habe nicht alles, was in seinem Verstand ist, mit 62 derselbenVollkommenheit, womit er es gedacht, erschaffen wollen. Indessen wird 63 man sagen: In den Dingen ist weder Vollkommenheit noch Unvollkommenheit, sondern 64 dasjenige in ihnen, weshalb sie vollkommen oder unvollkommen sind, gut oder 65 schlecht heißen, hängt vom Willen Gottes allein ab. Hätte daher Gott gewollt, so 66 hätte er machen können, daß das, was jetzt Vollkommenheit ist, die höchste 67 Unvollkommenheit wäre, und umgekehrt. – Allein, was hieße dies anders, als 68 offen behaupten, Gott, der doch das, was er will, notwendig denkt, könne durch 69 seinen Willen machen, daß er die Dinge auf andere Weise denkt, als er sie denkt; 70 was (wie ich bereits gezeigt) ein großer Unsinn ist. 71 72 Ich kann daher den Beweis gegen die Gegner selbst folgendermaßen umkehren: Alles 73 hängt ab von der Macht Gottes. Sollten daher die Dinge anders beschaffen sein 74 können, so müßte notwendig auch der Wille Gottes anders beschaffen sein. Nun 75 kann aber der Wille Gottes nicht anders beschaffen sein (wie ich bereits aus der 76 Vollkommenheit Gottes sehr klar gezeigt habe). Folglich können die Dinge nicht 77 anders beschaffen sein. 78 79 Ich gestehe, daß diese Meinung, welche alles einem gewissen indifferenten Willen 80 Gottes unterwirft und von seinem Gutdünken alles abhängig sein läßt, weniger von 81 der Wahrheit abirrt als die Meinung jener, welche behaupten, Gott mache alles 82 unter dem Gesichtspunkt des Guten. Denn diese scheinen etwas außer Gott 83 anzunehmen, das von Gott nicht abhängt und das Gott bei seinem Wirken sich zum 84 Muster nimmt oder auf das er, wie auf ein bestimmtes Ziel, hinarbeitet. Dies 85 heißt wahrlich nichts anderes, als Gott dem Fatum unterwerfen; das 86 Widersinnigste, was man von Gott behaupten kann, der, wie gezeigt wurde, die 87 erste und einzige freie Ursache ist sowohl des Wesens aller Dinge wie auch ihrer 88 Existenz. Ich habe daher nicht nötig, mit der Widerlegung dieses Unsinns die 89 Zeit zu vergeuden. 90 91