1p21d.md (2751B)
1 Man nehme (falls man dies bestreitet) womöglich an, daß aus der absoluten Natur 2 Gottes etwas in einem Attribut Gottes erfolgt, was endlich ist und eine 3 beschränkte Existenz oder Dauer hat, z.B. die Idee Gottes im Denken. Nun ist 4 aber das Denken, da es ja als Attribut Gottes angenommen wird (nach Lehrsatz 5 11), seiner Natur nach notwendig unendlich. Sofern es dagegen eine Idee Gottes 6 hat, wird es als endlich angenommen. Es kann aber (nach Definition 2) nur als 7 endlich begriffen werden, wenn es durch das Denken selbst beschränkt wird. Dies 8 kann nun aber nicht durch das Denken geschehen, sofern es die Idee Gottes 9 ausmacht, denn insofern wird es als endlich angenommen. Also durch das Denken, 10 sofern es die IdeeGottes nicht ausmacht, das aber (nach Lehrsatz 11) notwendig 11 existieren muß. Es gibt also ein Denken, welches die Idee Gottes nicht ausmacht, 12 weshalb aus seiner Natur, sofern es absolutes Denken ist, nicht notwendig die 13 Idee Gottes folgt. (Denn es wird ein Denken begriffen, welches die Idee Gottes 14 ausmacht, und ein Denken, welches sie nicht ausmacht.) Dies ist aber gegen die 15 Voraussetzung. – Folglich, wenn die Idee Gottes im Denken oder irgend etwas (es 16 ist einerlei, was genommen wird, da ja der Beweis allgemein gültig ist) in 17 irgendeinem Attribut Gottes aus der Notwendigkeit der absoluten Natur dieses 18 Attributs folgt, so muß es notwendig unendlich sein. Dies das erste, was zu 19 beweisen war. 20 21 Ferner kann das, was aus der Notwendigkeit der Natur eines Attributs auf diese 22 Weise folgt, eine beschränkte Dauer haben. Denn wenn man dies bestreitet, so 23 nehme man an, in irgendeinem Attribut Gottes gäbe es ein Ding, das aus der 24 Notwendigkeit der Natur irgendeines Attributs folgt, z.B. die Idee Gottes im 25 Denken, und von dieser nehme man an, daß sie zu irgendeiner Zeit nicht existiert 26 habe oder nicht existieren werde. Da aber das Denken als Attribut Gottes 27 angenommen wird, so muß es sowohl notwendig als auch unveränderlich existieren 28 (nach Lehrsatz 11 und Zusatz II zu Lehrsatz 20). Über die Grenzen der Dauer der 29 Idee Gottes hinaus (da angenommen wird, daß sie zu irgendeiner Zeit nicht 30 dagewesen sei oder nicht dasein werde) müßte daher das Denken ohne die Idee 31 Gottes existieren. Dies ist aber gegen die Voraussetzung; da angenommen wird, 32 daß aus dem gegebenen Denken notwendig die Idee Gottes folgt. Folglich kann die 33 Idee Gottes im Denken oder sonst etwas, was notwendig aus der absoluten Natur 34 irgendeines Attributs Gottes folgt, keine beschränkte Dauer haben, sondern ist 35 durch eben dieses Attribut ewig. Dies das zweite, was zu beweisen war. 36 37 Man beachte, daß dasselbe von jedem Ding behauptet werden muß, welches in 38 irgendeinem Attribut Gottes aus der absoluten Natur Gottes notwendig folgt. 39 40