ethica

Spinozas ethics and various translations, edited for easy post processing.
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1p15sc.md (9473B)


  1 Es gibt Menschen, welche sich Gott wie einen Menschen vorstellen, aus Körper und
  2 Geist bestehend und den Leidenschaften unterworfen. Wie weit aber diese von dem
  3 richtigen Begriff Gottes entfernt sind, ergibt sich aus dem, was bereits
  4 bewiesen worden, zur Genüge. Doch lasse ich diese beiseite; denn alle, welche
  5 Über die göttliche Natur nur einigermaßen nachgedacht haben, verneinen die
  6 Körperlichkeit Gottes. Unter anderem beweisen sie das am besten damit, daß man
  7 unter Körper eine lange, breite und hohe Masse von bestimmter Form versteht,
  8 während es nichts Widersinnigeres geben könne, als dies von Gott, dem absolut
  9 unendlichen Wesen, zu sagen. – Indessen zeigen sie doch durch andere
 10 Gründe, womit sie dies zu beweisen suchen, deutlich, daß sie die körperliche
 11 oder ausgedehnte Substanz selbst von der göttlichen Natur ganz und gar
 12 fernhalten, und zwar behaupten sie, dieselbe sei von Gott geschaffen. Aus
 13 welcher göttlichen Macht aber dieselbe geschaffen werden konnte, darüber wissen
 14 sie nicht das geringste; was deutlich zeigt, daß sie das, was sie sagen, selbst
 15 nicht verstehen. Meiner Meinung nach wenigstens habe ich klar genug bewiesen (s.
 16 Zusatz zu Lehrsatz 6 und Anmerkung 2 zu Lehrsatz 8), daß keine Substanz von
 17 einer andern hervorgebracht oder geschaffen werden kann. Weiter habe ich
 18 (Lehrsatz 14) gezeigt, daß es außer Gott keine Substanz geben und keine
 19 begriffen werden kann, und daraus habe ich den Schluß gezogen, daß die
 20 ausgedehnte Substanz eines von den unendlichen Attributen Gottes sei.
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 22 Um jedoch die Sache vollständig klarzumachen, will ich die Beweisgründe der
 23 Gegner widerlegen, welche sämtlich auf folgendes hinauslaufen.
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 25 *Erstens* meinen sie, daß die körperliche Substanz, als Substanz, aus Teilen
 26 bestehe; daher verneinen sie, daß dieselbe unendlich sein und folglich auch, daß
 27 sie zu Gott gehören könne. Sie entwickeln das auch an vielen Beispielen, von
 28 welchen ich das eine oder andere anführen will. Gesetzt, sagen sie, die
 29 körperliche Substanz sei unendlich, so nehme man an, daß sie in zwei Teile
 30 geteilt würde; jeder Teil wird entweder endlich oder unendlich sein. Ist
 31 ersteres der Fall, so wäre das Unendliche aus zwei endlichen Teilen
 32 zusammengesetzt, was widersinnig wäre. Im letzteren Fall gäbe es ein
 33 Unendliches, das doppelt so groß wäre als ein anderes Unendliche, was
 34 gleichfalls widersinnig wäre.
 35 
 36 *Ferner*: Wenn eine unendliche Größe mit einem Maß von der Größe eines Fußes
 37 gemessen wird, so muß sie aus unendlich vielen solchen Teilen bestehen und
 38 ebenso, wenn sie mit einem Maß von der Größe einer Fingerbreite (eines Zolls)
 39 gemessen würde. Demnach wäre eine unendliche Zahl zwölfmal größer als eine
 40 andere unendliche Zahl.
 41 
 42 *Endlich*: Wenn man sich aus einem Punkte einer unendlichen Größe zwei Linien,
 43 wie AB und AC (s. Figur), gezogen denkt, die sich anfangs in einem gewissenund
 44 bestimmten Abstand voneinander entfernen und ins unendliche verlängert werden,
 45 so wird sicherlich der Abstand zwischen B und C fortwährend zunehmen und
 46 schließlich aus einem endlichen ein unendlicher werden.
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 48 ![img](spin_001.jpg)
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 50 Da also, wie sie meinen, dergleichen Widersinnigkeiten sich daraus ergeben
 51 würden, daß eine unendliche Quantität angenommen wird, so folgern sie, daß die
 52 körperliche Substanz endlich sein müsse und daß sie folglich nicht zum Wesen
 53 Gottes gehöre.
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 55 Ein weiterer Beweisgrund wird gleichfalls der höchsten Vollkommenheit Gottes
 56 entnommen. Gott, sagen sie, könne als höchst vollkommenes Wesen nicht leidend
 57 sein; die körperliche Substanz aber könne leidend sein, da sie ja teilbar ist,
 58 woraus folgt, daß sie zum Wesen Gottes nicht gehört.
 59 
 60 Das sind die bei den Schriftstellern sich findenden Beweise, womit sie zu zeigen
 61 versuchen, daß die körperliche Substanz der göttlichen Natur unwürdig sei und
 62 nicht zu ihr gehören könne. Wer indessen genau aufmerkt, wird finden, daß ich
 63 bereits darauf geantwortet habe; da ja alle diese Beweise sich nur auf die
 64 Annahme gründen, daß die körperliche Substanz aus Teilen zusammengesetzt ist,
 65 was aber von mir bereits (in Lehrsatz 12, verglichen mit Zusatz zu Lehrsatz 13)
 66 als widersinnig erwiesen wurde.
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 68 Wer ferner die Sache richtig erwägt, wird merken, daß alle jene
 69 Widersinnigkeiten (wenn es in der Tat solche sind, worüber ich jetzt nicht
 70 streite), aus welchen geschlossen werden will, daß die ausgedehnte Substanz
 71 endlich sei, keineswegs aus der Annahme einer unendlichen Quantität folgen,
 72 sondern aus der Annahme, daß die unendliche Quantität meßbar und aus endlichen
 73 Teilen zusammengesetzt sei. Aus den gefolgerten Widersinnigkeiten kann daher nur
 74 geschlossen werden, daß die unendliche Quantität nicht meßbar ist und nicht aus
 75 endlichen Teilen zusammengesetzt sein kann. Eben dies ist es nun aber, was ich
 76 oben (Lehrsatz 12 usw.) bereits bewiesen habe. DerPfeil, welchen jene gegen mich
 77 abschnellen, trifft daher in Wahrheit sie selbst.
 78 
 79 Wenn sie nun aber selbst aus dieser ihrer Widersinnigkeit schließen wollen, daß
 80 die ausgedehnte Substanz endlich sein müsse, so ist dies wahrlich ganz ebenso,
 81 als wenn jemand sich einbildet, der Kreis habe die Eigenschaften des Vierecks,
 82 und nun den Schluß daraus zieht, daß der Kreis keinen Mittelpunkt habe, dessen
 83 sämtliche nach der Peripherie gezogenen Linien einander gleich sind. Denn die
 84 körperliche Substanz, welche doch nur als unendlich, nur als einzig und nur als
 85 unteilbar begriffen werden kann (s. die Lehrsätze 8, 5 und 12), denken sie sich
 86 aus endlichen Teilen bestehend, vielfach und teilbar, umschließen zu können, daß
 87 sie endlich sei. So wissen auch andere, welche sich einbilden, eine Linie sei
 88 aus Punkten zusammengesetzt, viele Beweise dafür beizubringen, daß eine Linie
 89 nicht ins unendliche teilbar sei. Und in der Tat ist es nicht minder widersinnig
 90 zu behaupten, daß die körperliche Substanz aus Körpern oder Teilen
 91 zusammengesetzt sei, als zu behaupten, ein Körper sei aus Flächen, die Flächen
 92 seien aus Linien, die Linien endlich aus Punkten zusammengesetzt.
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 94 Alle, welche wissen, daß die klare Vernunft untrüglich ist, müssen das zugeben,
 95 besonders aber diejenigen, welche behaupten, es gäbe keinen leeren Raum. Denn
 96 wem, die körperliche Substanz so geteilt werden könnte, daß ihre Teile in der
 97 Wirklichkeit verschieden wären, warum sollte nicht ein Teil vernichtet werden
 98 können, während die andern Teile, wie zuvor, untereinander verbunden blieben?
 99 Warum müssen alle so zusammenpassen, daß es keinen leeren Raum gibt? Kann doch
100 unter Dingen, welche tatsächlich voneinander unterschieden sind, eins sehr wohl
101 ohne das andere sein und in seinem Zustand verbleiben. Da es also in der Natur
102 keinen leeren Raum gibt (worüber anderwärts), sondern alle Teile sich derart
103 miteinander vereinigen müssen, daß es keinen leeren Raum gibt, so folgt auch
104 daraus, daß sie in Wirklichkeit nicht unterschieden sein können, d.h., daß die
105 körperliche Substanz als Substanz nicht geteilt werden kann.
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107 Fragt aber nun jemand, weshalb der Mensch von Natur aus so sehr geneigt sei, die
108 Quantität zu teilen, so antworte ich, daß die Quantität auf zweifache Weise von
109 uns begriffen wird, einmal abstrakt oder äußerlich, so nämlich, wie man sich
110 dieselbe sinnlich vorstellt, und dann als Substanz, was vom Verstand allein
111 geschieht. Richtet sich unsere Betrachtung auf die Quantität, wie sie die
112 sinnliche Vorstellung auffaßt, was häufig und leichter von uns geschieht, so
113 erscheint sie endlich, teilbar und aus Teilen zusammengesetzt; richtet sich aber
114 unsere Betrachtung auf dieselbe, wie sie der Verstand allein auffaßt, und
115 begreifen wir sie als Substanz, was sehr schwierig ist, dann erscheint sie, wie
116 ich bereits zur Genüge bewiesen habe, unendlich, einzig und unteilbar. Dies wird
117 allen, welche zwischen sinnlicher Vorstellung und Verstand zu unterscheiden
118 wissen, hinlänglich klar sein; besonders wenn man noch bedenkt, daß die Materie
119 überall dieselbe ist und daß Teile an derselben bloß unterschieden werden
120 können, sofern wir sie auf verschiedene Weise erregt vorstellen; weshalb sich
121 ihre Teile nur in bezug auf die Daseinsform, nicht aber gegenständlich
122 unterscheiden lassen. Wir begreifen z.B., daß das Wasser, sofern es Wasser ist
123 geteilt werden kann und daß sich seine Bestandteile voneinander trennen lassen;
124 nicht aber, sofern es körperliche Substanz ist, denn als solche kann es weder
125 getrennt noch geteilt werden. Ferner: Wasser als Wasser entsteht und vergeht,
126 als Substanz dagegen entsteht es und vergeht es nicht. – Damit glaube ich
127 auch auf den zweiten Einwand geantwortet zu haben, da sich derselbe gleichfalls
128 darauf gründet, daß die Materie als Substanz teilbar und aus Teilen
129 zusammengesetzt sein soll.
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131 Indessen, auch davon abgesehen, sehe ich gar nicht ein, weshalb die Materie der
132 göttlichen Natur unwürdig sein soll, da es doch (nach Lehrsatz 14) außer Gott
133 keine Substanz geben kann, von welcher sie leiden könnte. Alles, sage ich, ist
134 in Gott, und alles, was geschieht, geschieht einzig und allein durch die Gesetze
135 der unendlichen Natur Gottes und folgt aus der Notwendigkeit seines Wesens(wie
136 ich bald zeigen werde). Daher kann in keiner Weise gesagt werden, daß Gott von
137 etwas anderem leide oder daß die ausgedehnte Substanz der göttlichen Natur
138 unwürdig sei, selbst wenn ihr Teilbarkeit zugeschrieben würde, sobald ihr nur
139 Ewigkeit und Unendlichkeit zugestanden wird.
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141 Doch für jetzt genug hiervon.
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