1p11sc.md (2602B)
1 In diesem letzten Beweis wollte ich das Dasein Gottes a posteriori nachweisen, 2 damit der Beweis leichter begriffen werde, nicht aber darum, weil das Dasein 3 Gottes auf derselben Grundlage auch nicht a priori zu folgern wäre. Denn da 4 existieren können ein Vermögen ist, so folgt, daß je mehr Realität der Natur 5 eines Dinges zukommt, es um so mehr Kraft aus sich hat zu existieren. Daher muß 6 das absolut unendliche Wesen oder Gott ein absolut unendliches Vermögen zu 7 existieren aus sich haben, und er muß darum absolut existieren. 8 9 Vielleicht werden viele die Beweiskraft dieses Beweises nicht leicht einsehen, 10 weil sie gewohnt sind, nur solche Dinge zu betrachten, welche aus äußern 11 Ursachen entspringen; dabei machten sie die Wahrnehmung, daß Dinge, welche 12 schnell entstehen, d.h. leicht existieren, auch wieder leicht untergehen, und 13 umgekehrt meinen sie,daß diejenigen Dinge schwieriger zu machen sind, d.h. nicht 14 so leicht existieren, zu welchen nach ihren Begriffen mehr erforderlich ist. 15 16 Indessen, um diesen Vorurteilen entgegenzutreten, habe ich nicht nötig, hier zu 17 zeigen, in welchem Sinne der Satz: »Was schnell entsteht, vergeht schnell« wahr 18 sei; noch auch, ob rücksichtlich der ganzen Natur alles gleich leicht sei oder 19 nicht. Es genügt vielmehr die eine Bemerkung, daß ich hier nicht von Dingen 20 rede, die durch äußere Ursachen entstehen, sondern nur von Substanzen, welche 21 (nach Lehrsatz 6) von keiner äußern Ursache hervorgebracht werden können. – 22 Denn Dinge, die durch äußere Ursachen entstehen, mögen sie aus vielen Teilen 23 bestehen oder aus wenigen, verdanken alles, was sie an Vollkommenheit oder 24 Realität haben, der Kraft der äußern Ursache, ihre Existenz entspringt daher 25 lediglich aus der Vollkommenheit der äußern Ursache, nicht der eigenen. Was 26 hingegen die Substanz an Vollkommenheit hat, verdankt sie keiner äußern Ursache; 27 daher muß auch ihre Existenz aus ihrer eigenen Natur allein folgen, welche 28 demnach nichts anderes ist als ihr Wesen. Die Vollkommenheit hebt somit die 29 Existenz eines Dinges nicht auf, sondern setzt sie vielmehr; die 30 Unvollkommenheit hingegen hebt dieselbe auf. Daher können wir über die Existenz 31 keines Dinges mehr Gewißheit haben als über die Existenz des absolut unendlichen 32 oder vollkommenen Wesens, d.h. Gottes. Denn da sein Wesen alle Unvollkommenheit 33 ausschließt und absolute Vollkommenheit in sich schließt, so hebt es eben 34 dadurch jeden Grund, an seiner Existenz zu zweifeln, auf und gibt darüber die 35 höchste Gewißheit. Wer nur einigermaßen aufmerkt, wird dies, denke ich, 36 einleuchtend finden. 37 38