ethica

Spinozas ethics and various translations, edited for easy post processing.
git clone https://git.repetitions.de/ethica

1p11sc.md (2602B)


 1 In diesem letzten Beweis wollte ich das Dasein Gottes a posteriori nachweisen,
 2 damit der Beweis leichter begriffen werde, nicht aber darum, weil das Dasein
 3 Gottes auf derselben Grundlage auch nicht a priori zu folgern wäre. Denn da
 4 existieren können ein Vermögen ist, so folgt, daß je mehr Realität der Natur
 5 eines Dinges zukommt, es um so mehr Kraft aus sich hat zu existieren. Daher muß
 6 das absolut unendliche Wesen oder Gott ein absolut unendliches Vermögen zu
 7 existieren aus sich haben, und er muß darum absolut existieren.
 8 
 9 Vielleicht werden viele die Beweiskraft dieses Beweises nicht leicht einsehen,
10 weil sie gewohnt sind, nur solche Dinge zu betrachten, welche aus äußern
11 Ursachen entspringen; dabei machten sie die Wahrnehmung, daß Dinge, welche
12 schnell entstehen, d.h. leicht existieren, auch wieder leicht untergehen, und
13 umgekehrt meinen sie,daß diejenigen Dinge schwieriger zu machen sind, d.h. nicht
14 so leicht existieren, zu welchen nach ihren Begriffen mehr erforderlich ist.
15 
16 Indessen, um diesen Vorurteilen entgegenzutreten, habe ich nicht nötig, hier zu
17 zeigen, in welchem Sinne der Satz: »Was schnell entsteht, vergeht schnell« wahr
18 sei; noch auch, ob rücksichtlich der ganzen Natur alles gleich leicht sei oder
19 nicht. Es genügt vielmehr die eine Bemerkung, daß ich hier nicht von Dingen
20 rede, die durch äußere Ursachen entstehen, sondern nur von Substanzen, welche
21 (nach Lehrsatz 6) von keiner äußern Ursache hervorgebracht werden können. –
22 Denn Dinge, die durch äußere Ursachen entstehen, mögen sie aus vielen Teilen
23 bestehen oder aus wenigen, verdanken alles, was sie an Vollkommenheit oder
24 Realität haben, der Kraft der äußern Ursache, ihre Existenz entspringt daher
25 lediglich aus der Vollkommenheit der äußern Ursache, nicht der eigenen. Was
26 hingegen die Substanz an Vollkommenheit hat, verdankt sie keiner äußern Ursache;
27 daher muß auch ihre Existenz aus ihrer eigenen Natur allein folgen, welche
28 demnach nichts anderes ist als ihr Wesen. Die Vollkommenheit hebt somit die
29 Existenz eines Dinges nicht auf, sondern setzt sie vielmehr; die
30 Unvollkommenheit hingegen hebt dieselbe auf. Daher können wir über die Existenz
31 keines Dinges mehr Gewißheit haben als über die Existenz des absolut unendlichen
32 oder vollkommenen Wesens, d.h. Gottes. Denn da sein Wesen alle Unvollkommenheit
33 ausschließt und absolute Vollkommenheit in sich schließt, so hebt es eben
34 dadurch jeden Grund, an seiner Existenz zu zweifeln, auf und gibt darüber die
35 höchste Gewißheit. Wer nur einigermaßen aufmerkt, wird dies, denke ich,
36 einleuchtend finden.
37 
38