1p11a1.md (2523B)
1 Von jedem Ding muß eine Ursache oder ein Grund angegeben werden, sowohl warum es 2 existiert als auch warum es nicht existiert. Zum Beispiel, wenn ein Dreieck 3 existiert, so muß es auch einen Grund oder eine Ursache geben, warum es 4 existiert. Existiert es aber nicht, so muß es ebenfalls einen Grund oder eine 5 Ursache geben, welche hindert, daß es existiert oder welche seine Existenz 6 aufhebt. Dieser Grund aber oder diese Ursache muß entweder in der Natur des 7 Dinges enthalten sein oder außerhalb derselben. Zum Beispiel den Grund, warum 8 ein viereckiger Kreis nicht existiert, gibt die Natur des Kreises selbst an, 9 weil das nämlich einen Widerspruch in sich schließen würde. Weshalb aber 10 hingegen die Substanz existiert, folgt ebenfalls aus der bloßen Natur derselben, 11 welche nämlich die Existenz in sich schließt (s. Lehrsatz 7). Der Grund aber, 12 weshalb ein Kreis oder ein Dreieck existiert oder nicht existiert, folgt nicht 13 aus ihrer Natur, sondern aus der Ordnung der Natur aller Körper; denn aus dieser 14 muß folgen, daß entweder das Dreieck mit Notwendigkeit bereits existiert oder 15 daß es unmöglich ist, daß es bereits existiert. Dies ist doch wohl 16 selbstverständlich. Hieraus folgt, daß dasjenige mit Notwendigkeit existiert, 17 wovon kein Grund und keine Ursache vorhanden ist, welche es verhinderte zu 18 existieren. Wenn es daher keinen Grund und keine Ursache geben kann, welche 19 verhinderte, daß Gott existiert oder welche seine Existenz aufheben würde, so 20 muß unbedingt gefolgert werden, daß er mit Notwendigkeit existiert. Gäbe es nun 21 einen solchen Grund oder eine solche Ursache, so müßte sie entweder in der 22 eigenen Natur Gottes liegen oder außerhalb derselben, d.h. in einer anderen 23 Substanz von anderer Natur. Denn wäre sie von gleicher Natur, so wäre damit 24 schon zugestanden, daß Gott ist. Eine Substanz aber, welche von anderer Natur 25 wäre, hat nichts mit Gott gemein (nach Lehrsatz 2) und kann daher seine Existenz 26 weder setzen noch aufheben. 27 28 Da es also einen Grund oder eine Ursache, welche die göttliche Existenz aufhebt, 29 außerhalb der göttlichen Natur nicht geben kann, so müßte sie, wenn er nicht 30 existieren würde, notwendig in der eigenen Natur Gottes liegen, welche mithin 31 einen Widerspruch enthielte. Dies aber von dem absolut unendlichen und höchst 32 vollkommenen Wesenzu behaupten, wäre widersinnig. Es gibt also weder in Gott 33 noch außer Gott irgendeine Ursache oder einen Grund, welcher seine Existenz 34 aufhebt. Folglich existiert Gott notwendig. – W.z.b.w. 35 36