ethica

Spinozas ethics and various translations, edited for easy post processing.
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1app.md (18198B)


  1 Damit habe ich die Natur Gottes und seine Eigenschaften auseinandergesetzt,
  2 nämlich: daß er notwendig existiert; daß er einzig ist; daß er vermöge der
  3 bloßen Notwendigkeit seiner Natur ist und handelt; daß und in welcher Weise er
  4 die freie Ursache aller Dinge ist; daß alles in Gott ist und von ihm so abhängt,
  5 daß nichts ohne ihn sein oder begriffen werden kann; endlich, daß alles von Gott
  6 vorausbestimmt gewesen ist, nicht zwar vermöge der Freiheit des Willens oder
  7 eines absoluten Gutdünkens, sondern vermöge der absoluten Natur Gottes oder
  8 seiner unendlichen Macht.
  9 
 10 Auch habe ich bei jeder Gelegenheit die Vorurteile, welche dem Verständnis
 11 meiner Beweise im Wege waren, zu beseitigen gesucht.
 12 
 13 Indessen gibt es noch weitere Vorurteile, und ihre Zahl ist nicht gering, welche
 14 nicht minder, ja ganz besonders hinderlich waren und sind, daß man die
 15 Verkettung der Dinge in der Weise, wie ich sie beleuchtet habe, zu verstehen
 16 vermag. Ich hielt es darum der Mühe wert, diese Vorurteile einer Prüfung durch
 17 die Vernunft zu unterziehen. Und weil alle Vorurteile, welche ich hier behandeln
 18 will, von Einem abhängen, nämlich davon, daß die Menschen gewöhnlich annehmen,
 19 alle Dinge in der Natur handelten, wie sie selbst, um eines Zwecks willen, ja
 20 daß sie von Gott selbst mit aller Bestimmtheit behaupten, er leite alles zu
 21 irgendeinem bestimmten Zweck – sagen sie doch, Gott habe alles um des
 22 Menschen willen gemacht, den Menschen selbst aber, damit er ihn verehre
 23 –, so will ich mich hier vor allem mit diesem Einen Vorurteil
 24 beschäftigen,indem ich *erstens* die Ursache aufsuche, weshalb die meisten in
 25 diesem Vorurteil befangen sind und alle von Natur so sehr geneigt sind, es zu
 26 hegen; *sodann* werde ich dessen Unwahrheit nachweisen und *schließlich* auch,
 27 wie daraus über Gut und Schlecht, Verdienst und Sünde, Lob und Tadel, Ordnung
 28 und Verwirrung, Schönheit und Häßlichkeit und über anderes dieser Art Vorurteile
 29 entstanden sind.
 30 
 31 Es ist hier jedoch nicht der Ort, dies aus der Natur des menschlichen Geistes
 32 abzuleiten; es wird vielmehr genügen, etwas, das jedermann anerkennen muß, zur
 33 Grundlage zu nehmen, die Tatsache nämlich, daß alle Menschen, *ohne die Ursachen
 34 der Dinge zu kennen,* auf die Welt kommen und daß alle die Begierde haben, ihren
 35 Nutzen zu suchen *und sie dieses wohl wissen*. Denn daraus folgt *erstens*, daß
 36 die Menschen sich für frei halten, da sie sich ihres Wollens und ihres Begehrens
 37 bewußt sind, während sie nicht im Traum an die Ursachen denken, von denen sie
 38 zum Begehren und Wollen bestimmt werden, weil sie dieselben eben nicht kennen.
 39 Es folgt *zweitens*, daß die Menschen alles um eines Zwecks willen tun, nämlich
 40 um des Nutzens willen, den sie begehren. Daher kommt es, daß sie stets nur die
 41 Endzwecke der vollbrachten Dinge zu wissen trachten und befriedigt sind, wenn
 42 sie diese erfahren haben, weil sie dann keinen Anlaß haben, sich weiter damit zu
 43 befassen. Können sie diese Zwecke aber von keinem andern erfahren, so bleibt
 44 ihnen nichts anderes übrig, als sich an sich selbst zu wenden und auf Zwecke zu
 45 sinnen, von welchen sie selbst zu dergleichen bestimmt zu werden pflegen, und so
 46 beurteilen sie die Sinnesweise eines andern notwendig nach ihrer eigenen
 47 Sinnesweise.
 48 
 49 Da sie ferner in sich und außer sich zahlreiche Mittel bemerken, die zur
 50 Erreichung ihres Nutzens nicht wenig beitragen, wie z.B. die Augen zum Sehen,
 51 die Zähne zum Kauen, Pflanzen und Tiere zur Nahrung, die Sonne zum Leuchten, das
 52 Meer, Fische zu nähren usw., so kommt es, daß sie alles in der Natur als Mittel
 53 zu ihrem Nutzenbetrachten. Und weil sie wissen, daß jene Mittel von ihnen
 54 aufgefunden, aber nicht hergestellt sind, so hat dies den Glauben verursacht,
 55 irgendein anderer sei es, der diese Mittel zu ihrem Nutzen bereitet habe. Denn
 56 nachdem sie einmal die Dinge als Mittel ansahen, so konnten sie nicht glauben,
 57 daß diese sich selbst gemacht hätten, sondern aus den Mitteln, die sie sich
 58 selbst zubereiten pflegen, mußten sie schließen, es gäbe irgendeinen oder
 59 mehrere mit menschlicher Freiheit begabte Lenker der Natur, welche alles für sie
 60 besorgt und alles zu ihrem Nutzen gemacht hätten. Auch die Sinnesweise dieser
 61 Lenker der Natur mußten sie, da sie über dieselbe nie etwas erfahren hatten,
 62 nach ihrer eigenen Sinnesweise beurteilen. Daher ihre Behauptung, die Götter
 63 lenkten alles zum Nutzen der Menschen, um sich die Menschen zu verpflichten und
 64 von ihnen hoch verehrt zu werden.
 65 
 66 Daher ist es gekommen, daß der eine diese, der andere jene Art der
 67 Gottesverehrung in seinem Kopfe erdacht hat, damit Gott ihn mehr als die übrigen
 68 Menschen lieben und die ganze Natur zum besten seiner blinden Begierde und
 69 unersättlichen Habsucht lenken möge. So ist jenes Vorurteil zum Aberglauben
 70 ausgewachsen und hat in den Geistern tiefe Wurzeln geschlagen. Und dies war der
 71 Grund, weshalb die Menschen sich alle Mühe gaben, die Endzwecke aller Dinge zu
 72 erkennen und zu erklären.
 73 
 74 Aber während sie zu zeigen suchten, daß die Natur nichts vergebens (d.h., was
 75 für den Menschen keinen Nutzen hat) tue, haben sie, wie mir scheint, nichts
 76 anderes gezeigt, als daß die Natur samt den Göttern ebenso wahnwitzig sei wie
 77 die Menschen. Man sehe doch nur, wohin die Sache endlich führte. Unter so vielem
 78 Nützlichen in der Natur mußten sie nicht wenig Schädliches bemerken, Stürme,
 79 Erdbeben, Krankheiten usw.; und diese, behaupteten sie, seien deswegen da, weil
 80 die Götter erzürnt wären über die ihnen von den Menschen angetanen Kränkungen
 81 oder über die in ihrem Dienste begangenen Sünden. Und obgleich die Erfahrung
 82 widersprach und durch unzählige Beispiele zeigte, daß den Frommen ebensowie den
 83 Nichtfrommen bald Nützliches, bald Schädliches zuteil wird, gaben sie darum doch
 84 das eingewurzelte Vorurteil nicht auf. Denn es war ihnen leichter, dies unter
 85 anderes Unbekannte, dessen Nutzen sie nicht wußten, zu rechnen und so in ihrem
 86 wirklichen und angebornen Zustand der Unwissenheit zu verharren, als jenes ganze
 87 Gebäude einzureißen und ein neues auszudenken. Deshalb nahmen sie als gewiß an,
 88 daß die Absichten der Götter die menschliche Fassungskraft weit übersteigen; was
 89 sicherlich allein schon hätte verursachen können, daß die Wahrheit dem
 90 Menschengeschlecht in Ewigkeit verborgen geblieben wäre, wenn nicht die
 91 Mathematik, welche sich nicht mit Zwecken, sondern nur mit dem Wesen und den
 92 Eigenschaften der Figuren beschäftigt, den Menschen eine andere Norm der
 93 Wahrheit gezeigt hätte. Neben der Mathematik können noch andere Ursachen gezeigt
 94 werden (deren Aufzählung hier überflüssig), welche bewirkten, daß die Menschen
 95 auf diese gemeinen Vorurteile aufmerksam geworden sind und zur rechten
 96 Erkenntnis der Dinge geführt wurden.
 97 
 98 Damit habe ich den ersten Punkt dessen, was ich zu zeigen versprochen,
 99 hinlänglich auseinandergesetzt.
100 
101 Um nun aber zu zeigen, daß die Natur sich keinen Zweck vorgesetzt hat und daß
102 alle Endzwecke nichts als menschliche Einbildung sind, bedarf es nicht viel.
103 Denn ich glaube, daß sich dies schon genügend ergibt sowohl aus den Grundlagen
104 und Ursachen, aus welchen ich den Ursprung dieses Vorurteils abgeleitet habe,
105 als auch aus dem 16. Lehrsatz und den Zusätzen zum 32. Lehrsatz und außerdem
106 noch aus allen Sätzen, in denen ich gezeigt habe, daß alles in der Natur nach
107 einer gewissen ewigen Notwendigkeit und höchsten Vollkommenheit hervorgeht.
108 
109 Das aber will ich noch hinzufügen, daß diese Lehre vom Zweck die Natur
110 vollständig auf den Kopf stellt. Denn sie betrachtet als Wirkung, was in
111 Wahrheit Ursache ist, und umgekehrt. Ferner macht sie das, was von Natur das
112 erste ist, zum letzten. Endlich verkehrt sie das Höchsteund Vollkommenste zum
113 Unvollkommensten. Denn (auf die beiden ersten gehe ich nicht weiter ein, weil
114 sie an sich klar sind) wie aus den Lehrsätzen 21, 22 und 23 hervorgeht, ist die
115 Wirkung die vollkommenste, die von Gott unmittelbar hervorgebracht wird; je mehr
116 vermittelnder Ursachen aber eine Wirkung bedarf, um hervorgebracht zu werden,
117 desto unvollkommener ist sie. Wenn nun die Dinge, welche unmittelbar von Gott
118 hervorgebracht sind, deshalb gemacht wären, damit Gott seinen Zweck erreichte,
119 so wären notwendig die letzten, um derentwillen die ersten gemacht sein sollen,
120 die vorzüglichsten von allen.
121 
122 Weiter hebt diese Lehre die Vollkommenheit Gottes auf. Denn wenn Gott um eines
123 Zwecks willen handelt, so begehrt er notwendig etwas, das er entbehrt. Wenn nun
124 auch Theologen und Metaphysiker zwischen Bedürfniszweck und Assimilationszweck
125 unterscheiden, so gestehen sie doch, daß Gott alles um seinetwillen, nicht aber
126 der zu schaffenden Dinge wegen getan habe; weil sie nichts vor der Schöpfung
127 außer Gott angeben können, wegen dessen Gott handeln sollte. Sie müssen also
128 notwendig zugeben, daß Gott die Dinge, für welche er die Mittel habe bereiten
129 wollen, entbehrt hätte. Das ist an sich klar.
130 
131 Es darf hier nicht unerwähnt bleiben, daß Anhänger dieser Lehre, welche im
132 Angeben der Zwecke der Dinge ihren Scharfsinn zeigen wollen, eine neue Art der
133 Beweisführung aufgebracht haben, um diese ihre Lehre glaublich zu machen. Sie
134 führen dieselbe nämlich nicht auf die *Unmöglichkeit*, sondern auf die
135 *Unwissenheit* zurück; was zeigt, daß ihnen kein anderes Beweismittel für diese
136 Lehre zu Gebote stand. Wenn z.B. ein Stein von einem Dach auf den Kopf eines
137 Menschen fällt und ihn tötet, so beweisen sie, der erwähnten Methode gemäß, daß
138 der Stein gefallen sei, um den Menschen zu töten, folgendermaßen: Wäre der Stein
139 nicht zu eben diesem Zwecke, nach dem Willen Gottes, heruntergefallen, wie
140 mochten da so viele Umstände (denn oft treffen viele zusammen) durch Zufall
141 zusammentreffen? Antwortet man,es sei so gekommen, weil der Wind wehte und weil
142 der Mensch gerade dort vorbeiging, so wenden sie dagegen ein: Weshalb hat der
143 Wind gerade damals geweht? Warum ist der Mensch gerade damals dort
144 vorbeigegangen? Erwidert man darauf: Der Wind fing damals zu wehen an, weil das
145 Meer tags zuvor, bei noch ruhigem Wetter, in Bewegung kam, und der Mensch ging
146 damals dort vorbei, weil er von einem Freunde eingeladen war, so wenden sie
147 – da das Fragen keine Grenzen hat – abermals ein: Warum aber kam
148 das Meer in Bewegung? Warum war der Mensch damals eingeladen? – Und so
149 werden sie nicht aufhören, fort und fort nach den Ursachen der Ursachen zu
150 fragen, bis man zum Willen Gottes seine Zuflucht nimmt, d.h. zum *Asyl der
151 Unwissenheit.* – Ebenso, wenn sie den Bau des menschlichen Körpers ins
152 Auge fassen, stehen sie erstaunt und schließen, weil sie die Ursachen dieses
153 großen Kunstwerks nicht kennen, daß derselbe nicht durch mechanische, sondern
154 durch eine göttliche und übernatürliche Kunst gebildet und so eingerichtet
155 worden sei, daß kein Teil den andern verletzt.
156 
157 Daher kommt es, daß, wer die wahren Ursachen des Wunderbaren aufsucht und wer
158 bestrebt ist, die natürlichen Dinge als Wissender zu verstehen, statt als
159 Einfältiger sie anzustaunen, oft für einen Ketzer und schlechten Menschen
160 gehalten und verschrieen wird von denen, welche das Volk als die Dolmetscher der
161 Natur und der Götter verehrt. Denn sie wissen, daß mit der Unwissenheit auch das
162 Anstaunen, das einzige Mittel, womit sie ihre Lehren beweisen und ihr Ansehen
163 behaupten, dahinschwindet.
164 
165 Ich verlasse jedoch nunmehr dieses und wende mich jetzt zum dritten Punkt, den
166 ich hier zu behandeln mir vorgenommen.
167 
168 Nachdem die Menschen sich einmal eingeredet hatten, alles, was geschieht,
169 geschehe ihretwillen, mußten sie an jedem Ding das für die Hauptsache halten,
170 was ihnen am nützlichsten war, und alles das als das Vorzüglichste schätzen, was
171 am angenehmsten auf sie wirkte. Daher mußten siefolgende Begriffe bilden, mit
172 welchen sie die Natur der Dinge erklärten, nämlich: *Gut und Schlecht, Ordnung
173 und Verwirrung, Warm und Kalt, Schönheit und Häßlichkeit* usw. Und daraus, daß
174 sie sich für frei halten, sind die weiseren Begriffe entstanden: *Lob und Tadel,
175 Sünde und Verdienst.* Diese letzteren werde ich indessen erst später behandeln,
176 nachdem ich die menschliche Natur behandelt haben werde; die ersteren aber seien
177 hier kurz erläutert.
178 
179 Alles, was zum Wohlbefinden oder zur Verehrung Gottes beiträgt, nannte man
180 *gut*, das Gegenteil aber *schlecht*. Und weil diejenigen, welche die Natur der
181 Dinge nicht erkennen, nichts von den Dingen selbst behaupten, sondern die Dinge
182 sich nur sinnlich vorstellen und die sinnliche Vorstellung für Erkenntnis
183 nehmen, darum glauben sie in ihrer Unkenntnis der Dinge und ihrer Natur fest an
184 eine *Ordnung* der Dinge. Denn wenn dieselben so beschaffen sind, daß wir, wenn
185 sie uns durch die Sinne dargestellt werden, sie leicht vorstellen und demgemäß
186 uns ihrer leicht erinnern können, nennen wir sie *wohlgeordnet*; im
187 gegenteiligen Fall nennen wir sie *schlecht geordnet* oder *verworren*. Und weil
188 uns das, was wir leicht vorstellen können, angenehmer ist als anderes, darum
189 ziehen die Menschen die Ordnung der Verwirrung vor, als ob die Ordnung, auch
190 abgesehen von unserer Vorstellung, etwas in der Natur wäre. Sie sagen auch, Gott
191 habe alles in Ordnung geschaffen, und auf diese Weise schreiben sie Gott, ohne
192 es zu wissen, sinnliche Vorstellung zu; wenn sie nicht vielleicht meinen, Gott
193 habe, die menschliche Vorstellung vorhersehend, alle Dinge so eingerichtet, wie
194 sie von den Menschen am leichtesten vorgestellt werden können. Wahrscheinlich
195 stoßen sie sich gar nicht daran, daß es auch Unendliches gibt, was unsere
196 Vorstellung weit übersteigt, und sehr vieles, was ihre Vorstellung, wegen deren
197 Schwäche, verwirrt. – Doch genug hiervon.
198 
199 Auch die übrigen Begriffe sind weiter nichts als Vorstellungsarten, durch welche
200 die Einbildungskraft auf diese und jene Weise erregt wird, die aber von
201 Unwissenden für die hauptsächlichsten Attribute der Dinge gehalten werden, weil
202 sie, wie wir bereits gesagt, der Meinung sind, alle Dinge wären um ihretwillen
203 gemacht, und sie nennen die Natur eines Dinges *gut* oder *schlecht, gesund*
204 oder *faul* und *verdorben*, je nachdem sie von demselben erregt werden. Zum
205 Beispiel wenn die Bewegung, welche die Nerven von den Gegenständen empfangen,
206 die mit den Augen wahrgenommen werden, dem Wohlbefinden zusagt, so werden die
207 betreffenden Gegenstände *schön* genannt; die aber, welche den entgegengesetzten
208 Eindruck machen, heißen *häßlich*. Was durch die Nase den Sinn erregt, nennt man
209 *wohlriechend* oder *stinkend*; was durch die Zunge, *süß* oder *bitter,
210 schmackhaft* oder *unschmackhaft* usw.; was durch Tasten, *hart* oder *weich,
211 rauh* oder *glatt* usw. Von Dingen endlich, welche das Gehör erregen, sagt man,
212 sie seien *geräuschvoll* oder *wohlklingend*. Das letztere hat die Menschen so
213 betört, daß sie glaubten, Gott selbst ergötze sich an der Harmonie, und es gibt
214 sogar Philosophen, welche überzeugt sind, daß die Bewegungen der Himmelskörper
215 eine Harmonie bilden. Das alles zeigt deutlich, daß jeder nach dem Zustand
216 seines Gehirns über die Dinge geurteilt oder vielmehr die Erregungen seiner
217 Einbildungskraft für die Dinge selbst genommen hat.
218 
219 Kein Wunder daher (um auch das beiläufig zu bemerken), daß unter der, Menschen
220 so viel Meinungsstreit, als wir erfahren, entstanden ist und endlich daraus der
221 Skeptizismus. Denn obgleich die menschlichen Körper in vielem übereinstimmen, so
222 weichen sie doch in sehr vielem voneinander ab. Darum erscheint oft etwas dem
223 einen gut, dem andern schlecht, diesem geordnet, jenem verworren, dem angenehm,
224 jenem unangenehm, und dasselbe gilt von dem übrigen; doch gehe ich hier darüber
225 hinweg, weil einerseits hier der Ort nicht ist, den Gegenstand eingehend zu
226 behandeln, anderseits jeder darüber Erfahrunggenug besitzt. Sind doch in aller
227 Mund die Sprüchwörter: »Soviel Köpfe, soviel Meinungen«, »Jeder hat genug an
228 seinem eigenen Kopf«, »Die Geschmäcke sind so verschieden als die Köpfe«. Diese
229 Redensarten zeigen zur Genüge, daß die Menschen je nach dem Zustand ihres
230 Gehirns über die Dinge urteilen und daß sie die Dinge weniger *erkennen als
231 sinnlich vorstellen*. Denn wenn sie die Dinge erkannt hätten, so würden diese,
232 wie die Mathematik beweist, alle, wenn auch nicht anlocken, so doch überzeugen.
233 
234 Wir sehen also, daß alle Begriffe, mit denen das Volk die Natur zu erklären
235 pflegt, nur verschiedene Vorstellungsarten sind und nicht die Natur der Dinge
236 selbst, sondern nur die Beschaffenheit der Vorstellung anzeigen. Und weil sie
237 Namen haben, welche so lauten wie Namen von wirklich vorhandenen, außerhalb der
238 Vorstellung existierenden Wesen, so nenne ich diese Wesen nicht Vernunftwesen,
239 sondern Wesen der Einbildung. Daher können alle Beweisgründe, welche gegen mich
240 aus derlei Begriffen geltend gemacht werden, leicht aus dem Felde geschlagen
241 werden.
242 
243 Viele pflegen nämlich folgendermaßen zu argumentieren: Wenn alles aus der
244 Notwendigkeit der vollkommensten Natur Gottes erfolgt ist, woher kommen dann so
245 viele Unvollkommenheiten in der Natur, wie das Faulen der Dinge, sogar bis zum
246 Übelriechen, die ekelerregende Häßlichkeit gewisser Dinge, die Unordnung, das
247 Schlechte, die Sünde usw.? – Sie sind aber, wie gesagt, leicht zu
248 widerlegen. Denn die Vollkommenheit der Dinge ist nur nach ihrer Natur und ihrem
249 Vermögen zu schätzen, folglich ist ein Ding deshalb nicht mehr und nicht weniger
250 vollkommen, weil es einen der menschlichen Sinne ergötzt oder beleidigt, weil es
251 der menschlichen Natur zusagt oder nicht zusagt.
252 
253 Denen aber, welche fragen, warum Gott nicht alle Menschen so geschaffen hat, daß
254 sie sich von der Vernunft allein leiten lassen, antworte ich nur: weil er Stoff
255 hatte, alles zu schaffen, vom höchsten Grad der Vollkommenheitbis zum
256 niedrigsten. Oder um mich eigentlicher auszudrücken: weil die Gesetze seiner
257 Natur so umfangreich gewesen sind, daß sie ausreichten, alles hervorzubringen,
258 was von einem unendlichen Verstand begriffen werden kann; wie ich im 16.
259 Lehrsatz bewiesen.
260 
261 Das sind die Vorurteile, die ich hier anführen wollte. Wenn noch einige solchen
262 Schlags übrig sind, werden sie von jedermann bei einigem Nachdenken beseitigt
263 werden können.
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