5p20sc.md (4885B)
1 Gleicherweise können wir zeigen, daß es keinen Affekt gibt, der dieser Liebe 2 gerade entgegengesetzt wäre, wodurch eben diese Liebe vernichtet werden könnte, 3 und sonach können wir schließen, daß diese Liebe zu Gott der beständigste von 4 allen Affekten ist, und insofern sie sich auf den Körper bezieht, nur mit dem 5 Körper selbst vernichtet werden kann; von welcher Beschaffenheit sie aber ist, 6 insofern sie sich allein auf den Geist bezieht, das werden wir weiter unten 7 sehen. 8 9 Hiermit habe ich alle Mittel gegen die Affekte durchgegangen oder alles, was der 10 Geist bloß an sich betrachtet gegen die Affekte vermag, zusammengefaßt; hieraus 11 erhellt, daß die Macht des Geistes über die Affekte besteht: 12 13 1. eben in der Erkenntnis der Affekte (siehe Anm. zu Lehrsatz 4 dieses Teils); 14 15 2. in der Trennung der Affekte von dem Denken der äußeren Ursache, die wir uns 16 verworren vorstellen (siehe Lehrsatz 2 und die eben erwähnte Anm. zu Lehrsatz 17 4 dieses Teils); 18 19 3. in der Zeit, vermöge der die Affektionen, die sich auf solche Dinge beziehen, 20 welche wir erkennen, höher stehen als diejenigen, die sich auf Dinge 21 beziehen, welche wir verworren und verstümmelt begreifen (siehe Lehrsatz 7 22 dieses Teils); 23 24 4. in der Menge der Ursachen, von denen die Affektionen genährt werden, welche 25 sich auf die gemeinsamen Eigenschaften der Dinge oder auf Gott beziehen 26 (siehe Lehrsatz 9 und 11 dieses Teils); 27 28 5. endlich in der Ordnung, in welcher der Geist seine Affekte ordnen und 29 miteinander verknüpfen kann (siehe Anm. zu Lehrsatz 10 und ferner Lehrsatz 30 12, 13 und 14 dieses Teils). 31 32 Zur besseren Erkenntnis dieser Macht des Geistes über die Affekte müssen wir 33 jedoch hier vor allem bemerken, daß wir die Affekte heftig nennen, wenn wir den 34 Affekt des einen Menschen mit dem Affekt eines anderes vergleichen, und den 35 einen mehr als den anderen von demselben Effekt bestürmt sehen, oder wenn wir 36 die Affekte eines und desselben Menschen miteinander vergleichen und wir 37 denselben Menschen von dem einen Affekt mehr als von einem anderen affiziert 38 oder bewegt sehen. Denn (nach Lehrsatz 5, T. 4) wird die Macht jedes Affekts aus 39 dem Vermögen der äußeren Ursache, verglichen mit dem unsrigen, erklärt. Das 40 Vermögen des Geistes aber wird aus der Erkenntnis allein erklärt, sein 41 Unvermögen aber oder seine Leidenschaft wird bloß nach dem Mangel der Erkenntnis 42 geschätzt, d.h. nach dem, weshalb seine Ideen inadäquat heißen. Hieraus folgt, 43 daß ein solcher Geist am meisten leidet, dessen größten Teil inadäquate Ideen 44 ausmachen, so daß er mehr durch das, was er leidet, als durch das, was er tut, 45 von anderen unterschieden wird; und daß dagegen ein solcher Geist am meisten 46 tätig ist, dessen größten Teil adäquate Ideen ausmachen, so daß, obgleich in ihm 47 ebensoviel inadäquate Ideen als in jenem sind, er doch mehr durch jene sich 48 unterscheidet, die zur menschlichen Tugend gehören, als durch diese, die vom 49 menschlichen Unvermögen zeugen. Ferner ist zu bemerken, daß die Seelenschmerzen 50 und Unfälle meist in der übermäßigen Liebe zu einem Gegenstande ihren Ursprung 51 haben, der vielem Wechsel unterworfen ist, und den wir nie besitzen können; denn 52 man ist nur wegen eines Gegenstandes, den man liebt, besorgt und ängstlich, und 53 Beleidigungen, Argwohn, Feindschaften usw. entspringen nur aus Liebe zu 54 Gegenständen, deren Besitzer niemand wahrhaft sein kann. Hieraus begreifen wir 55 also leicht, was die klare und deutliche Erkenntnis, und hauptsächlich jene 56 dritte Gattung der Erkenntnis (siehe darüber die Anm. zu Lehrsatz 47, T. 2), 57 deren Grundlage die Gotteserkenntnis selbst ist, über die Affekte vermag, die 58 sich nämlich, insofern sie Leidenschaften sind, zwar nicht absolut aufhebt 59 (siehe Lehrsatz 3 und die Anm. zu Lehrsatz 4 dieses Teils), jedoch bewirkt, daß 60 sie den kleinsten Teil des Geistes ausmachen (siehe Lehrsatz 14 dieses Teils). 61 Ferner erzeugt sie Liebe zu einem unveränderlichen und ewigen Gegenstand (siehe 62 Lehrsatz 15 dieses Teils), in dessen Besitz wir wahrhaft sind (siehe Lehrsatz 63 45, T. 2), die deshalb nicht von den Fehlern befleckt werden kann, die der 64 gewöhnlichen Liebe innewohnen, sondern die stets größer und größer werden (nach 65 Lehrsatz 15 dieses Teils) und den größten Teil des Geistes einnehmen (nach 66 Lehrsatz 16 dieses Teils) und in seinem ganzen Umfange affizieren kann. – 67 Hiermit habe ich alles abgehandelt, was sich auf das gegenwärtige Leben bezieht; 68 denn was ich zu Anfang dieser Anmerkung gesagt habe, daß ich hiermit kurz alle 69 Affekte zusammengefaßt, das wird jeder leicht sehen können, der auf das in 70 dieser Anmerkung Gesagte und zugleich auf die Definitionen des Geistes und 71 seiner Affekte und auf die Lehrsätze 1 und 3, Teil 3 achtet. Wir müssen nunmehr 72 zu dem übergehen, was die Dauer des Geistes, ohne Beziehung auf den Körper, 73 betrifft. 74 75