5p10sc.md (4865B)
1 Durch dieses Vermögen, die Körperaffektionen richtig zu ordnen und zu verketten, 2 können wir bewirken, daß wir nicht leicht von schlechten Affekten erregt werden; 3 denn es erfordert (nach Lehrsatz 7 dieses Teils) größere Kraft, die nach der 4 Ordnung im Verstande geordneten und verketteten Affekte einzuschränken als die 5 unsicheren und schwankenden. Das Beste also, was wir bewirken können, solange 6 wir keine vollkommene Erkenntnis unserer Affekte haben, ist, daß wir eine 7 richtige Lebensweise oder bestimmte Lebensgrundsätze feststellen, sie ins 8 Gedächtnis prägen und bei den oft vorkommenden Einzelfällen des Lebens beständig 9 anwenden, damit so unsere Vorstellung durchweg davon erfüllt wird und sie uns 10 immer zur Hand sind. Wir haben z. B. unter diese Grundsätze für das Leben 11 gestellt (siehe Lehrsatz 46, T. 4 und Anm.), Haß müsse durch Liebe oder Edelmut 12 überwunden und nicht durch gegenseitigen Haß vergolten werden. Damit wir aber 13 diese Vorschrift der Vernunft zur Anwendung stets bei der Hand haben, müssen wir 14 die gewöhnlichen Beleidigungen der Menschen oft erwägen und überdenken, wie und 15 auf welche Weise man sie durch Edelmut am besten abwehrt; denn so verbinden wir 16 hie Vorstellung der Beleidigung mit der Vorstellung dieses Grundsatzes, und 17 (nach Lehrsatz 18, T. 2) wird sie uns immer gegenwärtig sein, sobald uns eine 18 Beleidigung zugefügt wird. Wenn wir auch noch die Rücksicht auf unseren wahren 19 Nutzen vor Augen behalten, sowie auch auf das Gute, das aus gegenseitiger 20 Freundschaft und der Gemeinschaft entspringt, und zudem, daß aus der Wichtigen 21 Lebensweise die höchste Zufriedenheit der Seele entspringt (nach Lehrsatz 52, T. 22 4), und daß die Menschen, wie alles andere, nach Naturnotwendigkeit handeln, 23 dann wird die Beleidigung oder der Haß, der aus ihr zu entspringen pflegt, den 24 kleinsten Teil der Vorstellung einnehmen und leicht überwunden werden; oder, 25 wenn der Zorn, der aus den größten Beleidigungen zu entspringen pflegt, nicht so 26 leicht überwunden wird, so wird er, wenn auch nicht ohne Seelenkampf, doch in 27 weit kleinerem Zeitraum überwunden, als wenn wir dies nicht so vorher durchdacht 28 gehabt hätten, wie aus Lehrsatz 6, 7 und 8 dieses Teils erhellt. Gleicherweise 29 müssen wir über die Seelenstärke nachdenken, um die Furcht abzulegen; wir müssen 30 uns nämlich die gewöhnlichen Gefahren des Lebens häufig vorrechnen und 31 vorstellen, und wie sie durch Geistesgegenwart und Tatkraft am besten vermieden 32 und überwunden werden können. Es ist aber zu bemerken, daß wir bei dem Ordnen 33 unserer Gedanken und Vorstellungen (nach Folgesatz zu Lehrsatz 63, T. 4 und 34 Lehrsatz 59, T. 3) stets auf das achten müssen, was in jedem Dinge gut ist, 35 damit wir so stets durch den Affekt der Lust zum Handeln bestimmt werden. Wenn 36 z. B. jemand sieht, daß er gar sehr dem Ruhme nachtrachtet, so muß er über den 37 richtigen Gebrauch desselben nachdenken, zu welchem Endzweck ihm nachzutrachten 38 und durch welche Mittel er zu erlangen ist, nicht aber über Mißbrauch und 39 Eitelkeit desselben, und über die Unbeständigkeit der Menschen oder über 40 dergleichen, woran niemand denkt, außer wer krankhaft empfindet; denn gerade die 41 Ehrgeizigen quälen sich mit solchen Gedanken am meisten, wenn sie daran 42 verzweifeln, die Ehre zu erlangen, um welche sie sich abmühen, und während sie 43 ihren Zorn ausschütten, wollen sie weise erscheinen. Deshalb ist es gewiß, daß 44 diejenigen am ruhmbegierigsten sind, die das größte Geschrei über dessen 45 Mißbrauch und über die Eitelkeit der Welt erheben. Und dies ist nicht den 46 Ehrsüchtigen allein eigen, sondern es ist allen gemein, denen das Schicksal 47 entgegen ist und die geistesunvermögend sind. Auch der habsüchtige Arme spricht 48 unaufhörlich von dem Mißbrauch des Geldes und den Lastern der Reichen, wodurch 49 er bloß bewirkt, daß er sich selber quält und anderen zeigt, daß er nicht bloß 50 seine Armut, sondern auch den Reichtum anderer mit Mißmut erträgt. So denken 51 auch diejenigen, die von ihrer Geliebten übel aufgenommen worden sind, an nichts 52 anderes als an die Unbeständigkeit und den betrügerischen Sinn der Weiber und an 53 ihre übrigen landkundigen Fehler, und vergessen alles dies alsbald wieder, 54 sobald sie von der Geliebten wieder gut aufgenommen werden. Wer daher seine 55 Affekte und Verlangen aus alleiniger Liebe zur Freiheit zu mäßigen trachtet, der 56 bestrebe sich, soviel er vermag, die Tugenden und ihre Ursachen kennen zu lernen 57 und die Seele mit der Freude zu erfüllen, die aus ihrer wahren Erkenntnis 58 entspringt, nicht aber die Fehler der Menschen zu beobachten, die Menschen 59 durchzuhecheln und seine Freude an einem falschen Schein der Freiheit zu haben. 60 Wer dies eifrig beobachtet (denn es ist nicht schwer) und es in Zukunft übt, 61 wird gewiß in kurzer Zeit seine Handlungen meist nach der Herrschaft der 62 Vernunft einrichten können. 63 64