4pr.md (8323B)
1 Das menschliche Unvermögen in Mäßigung und Beschränkung der Affekte nenne ich 2 Unfreiheit. Denn der den Affekten unterworfene Mensch ist nicht in seiner 3 eigenen Gewalt, sondern in der des Schicksals, unter dessen Herrschaft er sich 4 dermaßen befindet, daß er oft, obschon er das Bessere sieht, dennoch dem 5 Schlechteren nachzufolgen gezwungen wird. Die Ursache hiervon, und was die 6 Affekte außerdem Gutes und Böses haben, will ich in diesem Teile 7 auseinandersetzen. Bevor ich jedoch beginne, will ich einiges über 8 Vollkommenheit und Unvollkommenheit und über das Gute und Böse vorausschicken. 9 10 Wer etwas zu tun sich vorgesetzt und es vollendet hat, der wird nicht bloß 11 selbst, sondern auch jeder mit ihm, der den Geist des Urhebers von diesem Werke 12 und seinen Zweck recht erkennt oder zu erkennen glaubt, wird sagen, daß es 13 vollendet sei. Wenn z. B. jemand ein Werk (das ich als noch nicht vollendet 14 voraussetze) gesehen hat und weiß, daß der Zweck des Urhebers jenes Werkes ist, 15 ein Haus zu bauen, so wird er sagen, das Haus sei unvollendet, dagegen, es sei 16 vollendet, sobald er das Werk zu dem Ende gebracht sieht, welches der Urheber 17 desselben ihm zu geben sich vorgesetzt hatte. Wenn dagegen jemand ein Werk 18 sieht, desgleichen er niemals gesehen hatte, und auch den Sinn des Werkmeisters 19 nicht kennt, so kann er gewiß nicht wissen, ob dies Wert vollendet oder 20 unvollendet ist. Dies scheint die erste Bedeutung dieser Wörter gewesen zu sein. 21 Nachdem aber die Menschen begonnen hatten, allgemeine Ideen zu bilden, und sich 22 von Häusern, Bauten, Türmen usw. Urbilder zu entwerfen, und die Urbilder einiger 23 Dinge denen anderer vorzuziehen, nannte jeder das vollkommen, wovon er sah, daß 24 es mit der allgemeinen Idee, die er sich von einem solchen Dinge gebildet hatte, 25 übereinstimmte, dagegen das unvollkommen, wovon er sah, daß es mit seinem 26 angenommenen Urbilde weniger übereinstimmte, wenn es auch nach der Ansicht des 27 Werkmeisters vollkommen abgeschlossen war. Aus keinem anderen Grunde scheint man 28 auch die Naturdinge, die nicht durch Menschenhand gemacht sind, gewöhnlich 29 vollkommen oder unvollkommen zu nennen. Denn die Menschen pflegen sowohl von den 30 natürlichen Dingen, als von den künstlichen allgemeine Ideen zu bilden, welche 31 sie gleichsam für Urbilder der Dinge halten, von denen sie glauben, daß die 32 Natur (die nach ihrer Meinung nichts ohne einen Zweck tut) sie vor Augen habe 33 und sich als Urbilder vorhalte. Wenn sie daher in der Natur etwas geschehen 34 sehen, was mit dem angenommenen Urbilde, welches sie von einem solchen Dinge 35 haben, weniger übereinstimmt, so glauben sie, die Natur selbst habe hier gefehlt 36 oder gesündigt und dieses Ding unvollendet gelassen. Wir sehen also, daß die 37 Menschen mehr nach einem Vorurteile als nach der richtigen Erkenntnis der Dinge 38 sich gewöhnt haben, die natürlichen Dinge vollkommen oder unvollkommen zu 39 nennen. Denn wir haben in dem Anhange zum ersten Teile gezeigt, daß die Natur 40 nicht um eines Zweckes willen handelt; denn jenes ewige und unendliche Seiende, 41 welches wir Gott oder Natur nennen, handelt nach derselben Notwendigkeit, nach 42 welcher es da ist, da wir (Lehrsatz 16, T. I) gezeigt haben, daß es nach 43 derselben Notwendigkeit seiner Natur handelt, nach der es da ist. Der Grund also 44 oder die Ursache, weshalb Gott oder die Natur handelt, und weshalb er da ist, 45 ist ein und dasselbe. Wie er also um keines Zweckes willen da ist, so handelt er 46 auch um keines Zweckes willen; denn wie für sein Dasein, so hat er auch für sein 47 Handeln keinen Anfangsgrund und keinen Endzweck. Was man aber Zweckursache 48 nennt, ist nichts als das menschliche Verlangen selbst, sofern es als der 49 Anfangsgrund oder die primäre Ursache irgendeines Dinges betrachtet wird. Wenn 50 wir z. B. sagen, das Bewohnen sei die Zweckursache dieses oder jenes Hauses 51 gewesen, so verstehen wir gewiß dann nichts anderes darunter, als daß der Mensch 52 durch die Vorstellung der Annehmlichkeiten des häuslichen Lebens das Verlangen 53 bekommen hat, sich ein Haus zu bauen; daher ist das Bewohnen, sofern es als 54 Zweckursache betrachtet wird, nichts als dieses einzelne Verlangen, welches in 55 der Tat die wirkende Ursache ist, die als die erste betrachtet wird, weil die 56 Menschen gewöhnlich die Ursache ihres Verlangens nicht kennen. Denn, wie ich 57 schon oft gesagt habe, sie sind wohl ihrer Taten und ihres Verlangens sich 58 bewußt, aber der Ursachen, durch welche sie etwas zu begehren bestimmt werden, 59 unkundig. Was man außerdem gewöhnlich sagt, daß die Natur manchmal fehle oder 60 sündige und unvollkommene Dinge hervorbringe, das rechne ich zu den Fiktionen, 61 von denen ich im Anhange zum ersten Teile gehandelt habe. Vollkommenheit also 62 und Unvollkommenheit sind wirklich nur Modi des Denkens, nämlich Begriffe, die 63 wir dadurch zu bilden pflegen, daß wir Individuen derselben Art oder Gattung 64 miteinander vergleichen, und aus diesem Grunde habe ich oben (Def. 6, T. 2) 65 gesagt, daß ich unter Realität und Vollkommenheit dasselbe verstehe. Denn wir 66 pflegen alle Individuen der Natur auf eine Gattung, welche die allgemeinste 67 genannt wird, zurückzuführen, nämlich auf den Begriff des Seienden, der absolut 68 allen Individuen in der Natur zukommt. Insofern wir daher die Individuen in der 69 Natur auf diese Gattung zurückführen und miteinander vergleichen und wahrnehmen, 70 daß einige mehr Sein oder Realität haben als andere, sagen wir, einige seien 71 vollkommener als andere, und insofern wir ihnen etwas beilegen, was eine 72 Verneinung in sich schließt wie Grenze, Ende, Unvermögen usw., insofern nennen 73 wir sie unvollkommen, weil sie unsern Geist nicht ebenso affizieren wie die, 74 welche wir vollkommen nennen, nicht aber weil ihnen etwas fehlt, was ihnen 75 zukäme, oder weil die Natur gesündigt hätte. Denn nichts kommt der Natur eines 76 Dinges zu, als was aus der Notwendigkeit der Natur der wirkenden Ursache folgt, 77 und alles, was aus der Notwendigkeit der Natur der wirkenden Ursache folgt, das 78 geschieht notwendig. 79 80 Was das Gute und Böse betrifft, so bedeutet auch dies nichts Positives in den 81 Dingen, nämlich wenn man sie an sich betrachtet, sondern es sind nur Modi des 82 Denkens oder Begriffe, die wir daraus bilden, daß wir die Dinge miteinander 83 vergleichen. Denn ein und dasselbe Ding kann zu derselben Zeit gut und böse und 84 auch indifferent sein. Die Musik z. B. ist für den Mißmutigen gut, für den 85 Trauernden böse, für den Tauben aber weder gut noch böse. Obgleich sich aber die 86 Sache so verhält, müssen wir doch diese Wörter beibehalten. Denn da wir die Idee 87 des Menschen als Urbild der menschlichen Natur, das wir vor Augen haben, zu 88 bilden suchen, so wird es uns nützlich sein, eben diese Wörter in dem erwähnten 89 Sinne beizubehalten. Unter gut werde ich also in der Folge das verstehen, wovon 90 wir gewiß wissen, daß es ein Mittel ist, uns dem Urbilde der menschlichen Natur, 91 das wir uns vorsetzen, mehr und mehr zu nähern; unter böse aber das, wovon wir 92 gewiß wissen, daß es uns hindert, eben diesem Urbild zu entsprechen. Ferner 93 werden wir die Menschen vollkommener oder unvollkommener nennen, insofern sie 94 sich diesem Urbilde mehr oder weniger nähern. Denn es ist vornehmlich zu 95 bemerken, daß, wenn ich sage, jemand gehe von geringerer zu größerer 96 Vollkommenheit über und umgekehrt, ich darunter nicht verstehe, daß er aus einem 97 Wesen oder aus einer Form in eine andere verwandelt wird (denn ein Pferd z.B. 98 wird ebensowohl vernichtet, wenn es in einen Menschen, als wenn es in ein Insekt 99 verwandelt wird), sondern vielmehr, daß wir sein Tätigkeitsvermögen, insofern es 100 aus seiner eigenen Natur erkannt wird, als vermehrt oder vermindert begreifen. 101 Endlich werde ich, wie gesagt, unter Vollkommenheit, Realität im allgemeinen 102 verstehen, das heißt, das Wesen jedes Dinges, insofern es auf gewisse Weise da 103 ist und wirkt, ohne Rücksicht auf seine Dauer. Denn kein Einzelding kann deshalb 104 vollkommener genannt werden, weil es längere Zeit im Dasein verharrt hat, da die 105 Dauer der Dinge nicht aus ihrem Wesen bestimmt werden kann, da ja das Wesen der 106 Dinge keine gewisse und bestimmte Zeit des Daseins in sich schließt, sondern 107 jedes Ding, mag es mehr oder weniger vollkommen sein, wird immer mit derselben 108 Kraft, mit der es da zu sein anfängt, im Dasein verharren können, so daß in 109 dieser Hinsicht alle gleich sind. 110 111