4p73sc.md (1795B)
1 Dies und ähnliches, was wir von der wahren Freiheit des Menschen gezeigt haben, 2 gehört zur Tatkraft, d.h. (nach Anm. zu Lehrsatz 59, T. 3) zur Seelenstärke und 3 zum Edelmut. Ich halte es nun nicht für der Mühe wert, alle Eigenschaften der 4 Tatkraft hier einzeln anzugeben, noch viel weniger im einzelnen zu beweisen, daß 5 der tatkräftige Mensch niemanden haßt, auf niemanden zürnt, niemanden beneidet, 6 auf niemanden unwillig ist, niemanden gering schätzt und durchaus nicht 7 hochmütig ist. Denn dies und alles andere, was sich auf das wahre Leben und auf 8 die Religion bezieht, laßt sich leicht aus Lehrsatz 37 und 46 dieses Teils 9 erweisen, daß nämlich Haß im Gegenteil durch Liebe zu überwinden ist, und daß 10 jeder, den die Vernunft leitet, auch für die übrigen das Gute begehrt, welches 11 er für sich selbst begehrt. Hierzu kommt das, was wir in der Anmerkung zu 12 Lehrsatz 50 dieses Teils und an anderen Stellen bemerkt haben, daß nämlich der 13 tatkräftige Mann das vor allem im Auge behält, daß alles aus der Notwendigkeit 14 der göttlichen Natur folgt und daß folglich alles, was er sich als lästig und 15 böse denkt, und was überdies noch als gottlos, schrecklich, ungerecht und 16 schimpflich erscheint, daraus entspringt, daß er die Dinge selbst verkehrt, 17 verstümmelt und verworren begreift. Aus dieser Ursache besonders strebt er die 18 Dinge zu begreifen, wie sie an sich sind, und die Hindernisse der wahren 19 Erkenntnis zu entfernen, als da sind: Haß, Zorn, Neid, Verhöhnung, Hochmut und 20 dergleichen mehr, wie wir im vorigen bemerkt haben, und folglich sucht er soviel 21 als möglich, wie wir erwähnten, sich wohl zu befinden und Lust zu empfinden. Wie 22 weit aber die menschliche Tugend reicht, um dies durchzuführen, und was sie 23 vermag, werde ich im folgenden Teile zeigen. 24 25