ethica

Spinozas ethics and various translations, edited for easy post processing.
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4p18sc.md (3838B)


 1 Mit diesem Wenigen habe ich die Ursachen des menschlichen Unvermögens und
 2 Unbestandes, und weshalb die Menschen die Vorschriften der Vernunft nicht
 3 befolgen, erklärt. Es ist nun noch zu zeigen, was das ist, was die Vernunft uns
 4 vorschreibt und welche Affekte mit den Regeln der menschlichen Vernunft
 5 übereinkommen, und welche andererseits ihnen entgegengesetzt sind. Ehe ich aber
 6 dies in unserer ausführlichen geometrischen Ordnung zu beweisen anfange, will
 7 ich die eigentlichen Vorschriften der Vernunft hier vorher kurz anzeigen, damit
 8 jeder das, was ich meine, leichter begreift. – Da die Vernunft nichts gegen die
 9 Natur verlangt, verlangt sie also selbst, daß jeder sich liebt, seinen Nutzen,
10 das was ihm wahrhaft nützlich ist, sucht, und alles was den Menschen wahrhaft zu
11 größerer Vollkommenheit leitet, erstrebt und überhaupt, daß jeder sein Sein so
12 viel an ihm liegt zu erhalten strebt. Dies ist so notwendig wahr, als daß das
13 Ganze größer ist als sein Teil (siehe Lehrsatz 4, T. 3). Da seiner Tugend (nach
14 Def. 8 dieses Teils) nichts anderes ist, als nach den Gesetzen der eigenen Natur
15 handeln, und jeder sein Sein (nach Lehrsatz 7, T. 3) nur nach den Gesetzen
16 seiner eigenen Natur zu erhalten strebt, so folgt hieraus erstens: daß die
17 Grundlage der Tugend eben das Bestreben ist, das eigene Sein zu erhalten, und
18 daß das Glück darin besteht, daß der Mensch sein Sein erhalten kann. Zweitens
19 folgt, daß die Tugend um ihrer selbst willen zu begehren ist, und daß es nichts
20 gibt, was vortrefflicher oder nützlicher für uns wäre als sie, um dessentwillen
21 sie begehrt werden müßte. Endlich folgt drittens, daß die Selbstmörder
22 geistesohnmächtig sind und gänzlich von äußeren, ihrer Natur widerstrebenden
23 Ursachen besiegt werden. Außerdem folgt aus Postulat 4, Teil 2, daß wir nie
24 bewirken können, daß wir zur Erhaltung unseres Seins nichts außer uns selbst
25 bedürfen und so leben, daß wir keinen Verkehr mit den Dingen, welche außer uns
26 sind, haben, und daß, wenn wir überdies auf unseren Geist sehen, unser Verstand
27 sicherlich unvollkommener wäre, wenn der Geist allein wäre und außer sich selbst
28 nichts erkennte. Es gibt daher vieles außer uns, was uns nützlich und was
29 deshalb zu begehren ist. Unter diesen kann nichts Vorzüglicheres erdacht werden
30 als das, was gänzlich mit unserer Natur übereinkommt. Denn wenn z. B. zwei
31 Individuen ganz gleicher Natur miteinander verbunden werden, so bilden sie ein
32 Individuum, das doppelt so mächtig ist als ein einzelnes. Es ist daher dem
33 Menschen nichts nützlicher als der Mensch; nichts Besseres, wiederhole ich,
34 können sich die Menschen zur Erhaltung ihres Seins wünschen, als daß alle in
35 allem so übereinstimmen, daß die Geister und Körper aller gleichsam einen Geist
36 und einen Körper bilden und alle zugleich, soviel sie vermögen, ihr Sein zu
37 erhalten streben und alle zugleich den gemeinschaftlichen Nutzen aller für sich
38 suchen. Hieraus folgt, daß die Menschen, welche von der Vernunft geleitet
39 werden, d.h. die Menschen, welche nach der Leitung der Vernunft ihren Nutzen
40 suchen, nichts für sich begehren, was sie nicht auch für die übrigen Menschen
41 wünschten, und daß sie also gerecht, treu und ehrenhaft sind.
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43 Dies sind die Vorschriften der Vernunft, die ich hier kurz darzustellen mir
44 vorgesetzt hatte, bevor ich damit anfange, sie weitläufig der Reihe nach zu
45 beweisen; ich habe dies deshalb getan, um mir womöglich die Aufmerksamkeit derer
46 zu verschaffen, welche glauben, dieses Prinzip, daß nämlich jeder gehalten ist,
47 das ihm Nützliche zu suchen, sei die Grundlage des Lasters und nicht vielmehr
48 die der Tugend und Frömmigkeit. Nachdem ich nun kurz gezeigt habe, daß die Sache
49 sich umgekehrt verhält, fahre ich fort, dies auf demselben Wege zu beweisen, auf
50 dem wir bisher fortgeschritten sind.
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