3pr.md (3513B)
1 Die meisten, die über die Affekte und die Lebensweise der Menschen geschrieben 2 haben, scheinen nicht von natürlichen Dingen, welche die gemeinsamen Gesetze der 3 Natur befolgen, zu reden, sondern von Dingen, welche außerhalb der Natur liegen. 4 Ja, sie scheinen den Menschen in der Natur wie einen Staat im Staate zu fassen. 5 Denn sie glauben, daß der Mensch die Ordnung der Natur mehr störe als befolge; 6 daß er eine absolute Macht in bezug auf seine Handlungen habe und von niemand 7 als von sich selber bestimmt werde. Die Ursache des menschlichen Vermögens und 8 der Unbeständigkeit legen sie nicht dem gemeinsamen Vermögen der Natur, sondern 9 ich weiß nicht welchem Gebrechen der menschlichen Natur, bei, welches sie darum 10 beweinen, verlachen, verachten, oder, was am häufigsten geschieht, verwünschen, 11 und wer das Unvermögen des menschlichen Geistes recht beredt oder scharf 12 durchzuhecheln weiß, wird wie für göttlich gehalten. Es gab jedoch auch 13 ausgezeichnete Männer (deren Anstrengung und Fleiß wir vieles schuldig zu sein 14 bekennen), die von der richtigen Lebensweise viel Herrliches geschrieben und den 15 Menschen einsichtsvolle Anweisungen gegeben haben. Die Natur und die Kräfte der 16 Affekte aber, und was andererseits der Geist sie zu mäßigen vermöge, das hat, so 17 viel ich weiß, niemand bestimmt. Ich weiß zwar, daß der hochberühmte Descartes, 18 obwohl auch er annahm, daß der Geist eine absolute Macht in Beziehung auf seine 19 Handlungen habe, dennoch die menschlichen Affekte aus ihren ersten Gründen zu 20 erklären und zugleich den Weg anzugeben versucht hat, auf dem der Geist eine 21 absolute Herrschaft über die Affekte erlangen könnte; aber, nach meiner Ansicht 22 wenigstens, hat er nichts als den Scharfsinn seines großen Geistes gezeigt, wie 23 ich seines Ortes beweisen werde. Für jetzt will ich zu denen zurückkehren, 24 welche die Affekte und Handlungen der Menschen lieber verabscheuen oder 25 verlachen als verstehen wollen. Diesen wird es ohne Zweifel wunderbar scheinen, 26 daß ich die Gebrechen und Torheiten der Menschen auf geometrische Weise zu 27 behandeln unternehme und das in bestimmter Ordnung dartun will, wovon sie 28 immerfort schreien, daß es der Vernunft widerstreite, eitel, albern und 29 schrecklich sei. Aber mein Grund ist dieser: Es geschieht nichts in der Natur, 30 was man ihr als Gebrechen anrechnen könnte, denn die Natur und ihre Kraft und 31 ihr Tätigkeitsvermögen sind immer und überall eine und dasselbe, d.h. die 32 Gesetze und Regeln der Natur, nach welchen alles geschieht und aus den einen 33 Formen in die anderen verwandelt wird, sind überall und immer dieselben, und 34 sonach muß auch eine und dieselbe Weise sein, die Natur irgendwelcher Dinge zu 35 verstehen, nämlich durch die allgemeinen Gesetze und Regeln der Natur. Daher 36 erfolgen die Affekte des Hasses, Zornes, Neides usw., an sich betrachtet, aus 37 derselben Notwendigkeit und Kraft der Natur, wie das übrige einzelne, und 38 hiernach erkennen sie bestimmte Ursachen an, durch welche sie verstanden werden, 39 und haben bestimmte Eigenschaften, die unseres Verständnisses ebenso würdig 40 sind, wie die Eigenschaften eines jeden anderen Dinges, an dessen bloßer 41 Betrachtung wir uns freuen. Ich werde also die Natur und die Kräfte der Affekte 42 und die Macht des Geistes in bezug auf dieselben nach derselben Methode 43 behandeln, welche ich im vorigen über Gott und den Geist angewendet habe, und 44 die menschlichen Handlungen und Bestrebungen ebenso betrachten, als wenn es sich 45 um Linien, Flächen oder Körper handelte. 46 47