3p52sc.md (2677B)
1 Diese Affektion des Geistes oder Vorstellung eines Einzeldinges heißt, sofern 2 sie bloß im Geiste bleibt, Bewunderung; wird sie von einem Objekte, das wir 3 befürchten, affiziert, nennt man sie Bestürzung, weil die Verwunderung über das 4 Übel den Menschen so in der Schwebe, in der bloßen Betrachtung seiner selbst 5 festhält, daß er an etwas anderes, wodurch er dieses Übel vermeiden könnte, 6 nicht zu denken vermag. Wenn aber das, was wir bewundern, die Weisheit, der 7 Fleiß eines Menschen, oder etwas Derartiges ist, weil wir eben darin diesen 8 Menschen uns weit übertreffen sehen, dann heißt die Bewunderung Hochachtung, 9 andererseits Abscheu, wenn wir uns über den Zorn, Neid usw. eines Menschen 10 wundern. Ferner: wenn wir die Weisheit, den Fleiß usw. eines Menschen, den wir 11 lieben, bewundern, so wird die Liebe eben dadurch (nach Lehrsatz 12 dieses 12 Teils) größer sein, und diese mit Bewunderung oder Hochachtung verbundene Liebe 13 nennen wir Verehrung. Und auf diese Weise können wir auch Haß, Hoffnung, 14 Zuversicht und andere Affekte uns mit der Bewunderung verbunden denken und 15 sonach mehr Affekte ableiten, als man mit den gebräuchlichen Wörtern zu 16 bezeichnen pflegt. Hieraus erhellt, daß die Namen der Affekte mehr nach ihrer 17 gewöhnlichen Anwendung als nach der genauen Erkenntnis derselben erfunden sind. 18 19 Der Bewunderung steht entgegen die Verachtung, deren Ursache doch meist darin 20 liegt, daß, wenn wir jemanden ein Ding bewundern, lieben, fürchten usw. sehen, 21 oder, wenn ein Ding auf den ersten Anblick Dingen ähnlich scheint, die wir 22 bewundern, lieben, fürchten usw., wir (nach Lehrsatz 15 nebst Folgesatz und 23 Lehrsatz 27 dieses Teils) bestimmt werden, dies Ding zu bewundern, zu lieben, zu 24 fürchten usw. Wenn wir aber durch die Gegenwart des Dinges selbst oder durch 25 eine genauere Betrachtung ihm alles das absprechen müssen, was die Ursache der 26 Bewunderung, Liebe, Furcht usw. sein kann, dann bleibt der Geist durch die 27 eigentliche Gegenwart des Dinges mehr bestimmt, das zu denken, was nicht in dem 28 Objekte ist, als was in ihm ist, da er doch durch die Gegenwart des Dinges 29 hauptsächlich das zu denken pflegt, was in dem Objekte ist. Wie sodann Verehrung 30 aus der Bewunderung des Dinges, das wir lieben, so entsteht Verhöhnung aus der 31 Verachtung des Dinges, das wir hassen oder fürchten, und Geringschätzung aus der 32 Verachtung der Dummheit, wie Hochachtung aus der Bewunderung der Weisheit. 33 Endlich können wir die Liebe, die Hoffnung, den Ruhm und andere Affekte als 34 verbunden mit der Verachtung denken und daraus außerdem andere Affekte ableiten, 35 die wir ebenfalls durch kein besonderes Wort von den übrigen zu unterscheiden 36 pflegen. 37 38