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1 Wir ersehen hieraus, wie es geschehen kann, daß der eine das haßt, was der 2 andere liebt, und daß der eine nicht fürchtet, was der andere fürchtet; und daß 3 ein und derselbe Mensch bald liebt, was er vorher gehaßt hat, und bald wagt, was 4 er vorher gefürchtet usw. usw. Weil ferner jeder nach seinem Affekt beurteilt, 5 was gut, was übel, was besser und was schlimmer sei (siehe Anm. d. Lehrsatzes 39 6 dieses Teils), so folgt, daß die Menschen ebensosehr in ihrem Urteile, wie in 7 ihren Affekten verschieden sein können.Daß dies geschehen kann, obgleich der 8 menschliche Geist ein Teil des göttlichen Verstandes ist, haben wir in der 9 Anmerk. zu Lehrsatz 13 T. 2 dargetan. Daher kommt es, daß, wenn wir die einen 10 mit den anderen vergleichen, sie nur nach der Verschiedenheit der Affekte von 11 uns unterschieden werden, und daß wir die einen unerschrocken, andere furchtsam 12 und wieder andere noch anders nennen. Ich z. B. werde denjenigen unerschrocken 13 nennen, der ein Übel gering schätzt, das ich zu fürchten pflege, und wenn ich 14 außerdem darauf achte, daß seine Begierde, dem Übles zuzufügen, den er haßt, und 15 dem wohlzutun, den er liebt, durch die Besorgnis vor Übel nicht eingeschränkt 16 wird, vor dem ich zurückzuschrecken pflege, werde ich ihn kühn nennen. Ferner 17 wird mir derjenige furchtsam erscheinen, der ein Übel fürchtet, das ich gering 18 zu schätzen pflege, und wenn ich noch darauf achte, daß seine Begierde durch die 19 Besorgnis vor einem Übel eingeschränkt wird, das mich nicht zu schrecken vermag, 20 werde ich ihn kleinmütig nennen; und so wird jeder urteilen. Aus dieser Natur 21 des Menschen also und dieser Unbeständigkeit des Urteils, sowohl daß der Mensch 22 häufig nur nach seinem Affekt über die Dinge urteilt, als auch, daß die Dinge 23 häufig nur in seiner Vorstellung sind, von denen er glaubt, daß sie Lust oder 24 Unlust bewirken, und die er daher (nach Lehrsatz 28 dieses Teils) zur 25 Verwirklichung zu bringen oder zu entfernen sucht – um hier anderes zu 26 übergehen, was wir Teil 2 über die Ungewißheit der Dinge dargetan – begreifen 27 wir leicht, daß der Mensch oft die Ursache seiner Unlust wie seiner Lust sein 28 kann, oder daß er sowohl mit Unlust als mit Lust affiziert wird, verbunden mit 29 der Idee seiner selbst als der Ursache. Und so sehen wir leicht ein, was Reue 30 und was Zufriedenheit mit sich selber ist. Reue ist nämlich Unlust, verbunden 31 mit der Idee seiner selbst; und Zufriedenheit mit sich selbst ist Lust, 32 verbunden mit der Idee seiner selbst als der Ursache, und diese Affekte sind 33 sehr heftig, weil die Menschen sich für frei halten (siehe Lehrsatz 49 dieses 34 Teils). 35 36