3ad6e.md (1309B)
1 Diese Definition drückt das Wesen der Liebe ganz klar aus; dagegen die anderen 2 der Schriftsteller, welche die Liebe als den Willen des Liebenden, sich mit dem 3 geliebten Gegenstande zu vereinigen, definieren, nicht das Wesen der Liebe, 4 sondern eine Eigenschaft derselben ausdrückt. Weil nun das Wesen der Liebe nicht 5 hinlänglich von den Schriftstellern eingesehen worden ist, konnten sie auch von 6 ihrer Eigenschaft keinen klaren Begriff haben, und daher kam es, daß man 7 allgemein ihre Definition für höchst dunkel hielt. Man bemerke aber, daß, wenn 8 ich sage, es sei eine Eigenschaft des Liebenden, seinem Willen gemäß sich mit 9 dem geliebten Gegenstande zu vereinigen, ich unter Wille nicht eine Beistimmung 10 oder Beratschlagung der Seele oder einen freien Entschluß verstehe (denn daß 11 dieser etwas Fingiertes ist, haben wir Lehrsatz 48, T. 2 bewiesen), noch auch 12 die Begierde, sich mit dem geliebten Gegenstande zu vereinigen, wenn er nicht da 13 ist, noch auch in seiner Gegenwart zu verharren, wenn er da ist, denn es kann 14 Liebe ohne diese oder jene Begierde gedacht werden, sondern vielmehr, daß ich 15 unter Wille die Befriedigung verstehe, welche in dem Liebenden durch die 16 Gegenwart des geliebten Gegenstandes ist, durch welche die Lust des Liebenden 17 verstärkt oder doch wenigstens genährt wird. 18 19