3ad28e.md (2308B)
1 Der Hochmut unterscheidet sich also dadurch von Überschätzung, daß diese sich 2 auf einen äußeren Gegenstand bezieht, der Hochmut aber auf den Menschen selbst, 3 der von sich mehr hält, als recht ist. Wie übrigens die Überschätzung eine 4 Wirkung oder Eigenschaft der Liebe, so ist der Hochmut eine Wirkung oder 5 Eigenschaft der Eigenliebe; man kann ihn also auch definieren als Liebe zu sich 6 selbst oder Selbstzufriedenheit, insofern sie den Menschen so affiziert, daß er 7 mehr von sich hält, als recht ist (siehe Anm. zu Lehrsatz 26 dieses Teils). Zu 8 diesem Affekt gibt es keinen Gegensatz; denn niemand hält aus Haß gegen sich 9 weniger von sich, als recht ist; ja niemand hält von sich weniger, als recht 10 ist, insofern er sich vorstellt, er könne dies oder jenes nicht; denn wovon sich 11 auch der Mensch vorstellt, daß er es nicht könne, so stellt er sich dies als 12 notwendig vor, und wird durch diese Vorstellung so disponiert, daß er das in der 13 Tat nicht tun kann, wovon er sich vorstellt, daß er es nicht könne. Denn so 14 lange er sich vorstellt, daß er dies oder jenes nicht könne, so lange ist er 15 auch nicht bestimmt, es zu tun, und folglich ist es ihm so lange unmöglich, es 16 zu tun. Wenn wir hingegen auf das achten, was von der bloßen Meinung abhängt, so 17 werden wir uns als möglich denken können, daß ein Mensch weniger von sich hält, 18 als recht ist; denn es ist möglich, daß, wenn ein Trauriger seine Schwäche 19 betrachtet, er sich vorstellt, er werde von allen verachtet, während doch die 20 anderen nichts weniger denken als daran, ihn zu verachten. Außerdem kann ein 21 Mensch weniger als recht ist von sich halten, wenn er in der Gegenwart sich 22 etwas mit Bezug auf die Zukunft abspricht, worüber er ungewiß ist; wie, wenn er 23 glaubt, nichts Gewisses begreifen zu können, und nichts als Schlechtes oder 24 Schimpfliches zu begehren oder zu tun usw. Ferner können wir sagen, daß jemand 25 weniger, als recht ist, von sich hält, wenn wir sehen, daß er aus zu großer 26 Furcht vor Schaden das nicht wagt, was andere seinesgleichen unternehmen. Diesen 27 Affekt also, den ich Kleinmut nennen will, können wir dem Hochmut 28 entgegensetzen; denn wie aus der Zufriedenheit mit sich selbst Hochmut, so 29 entspringt aus der Niedergeschlagenheit Kleinmut, den wir also auf folgende 30 Weise definieren: 31 32