3ad1e.md (1908B)
1 Wir haben oben in der Anmerkung zu Lehrsatz 9 dieses Teils gesagt, Begierde sei 2 Verlangen mit dem Bewußtsein desselben, das Verlangen aber sei das Wesen des 3 Menschen selbst, insofern es bestimmt ist, das zu tun, was zu seiner Erhaltung 4 dient. In derselben Anmerkung habe ich aber auch erinnert, daß ich in der Tat 5 zwischen menschlichem Verlangen und der Begierde keinen Unterschied anerkenne. 6 Denn mag der Mensch sich seines Verlangens bewußt sein oder nicht, so bleibt 7 doch das Verlangen ein und dasselbe. Um also keine Tautologie zu machen, habe 8 ich Begierde nicht durch Verlangen erklären wollen, sondern sie so zu erklären 9 gesucht, daß ich alle Bestrebungen der menschlichen Natur, die wir mit den 10 Benennungen: Verlangen, Wille, Begierde oder heftiges Verlangen bezeichnen, in 11 eins zusammenfaßte. Denn ich konnte sagen, Begierde sei das Wesen des Menschen 12 selbst, insofern es begriffen wird, als bestimmt, etwas zu tun; aber aus dieser 13 Definition würde (nach Lehrsatz 23, T. 2) nicht folgen, daß der Mensch sich 14 seiner Begierde oder seines Verlangens bewußt sein könnte. Daher war es nötig, 15 um die Ursache dieses Bewußtseins mit einzuschließen (nach demselben Lehrsatz), 16 hinzuzufügen: insofern es begriffen wird als aus irgend einer gegebenen Erregung 17 desselben bestimmt, etwas zu tun. Denn unter der Affektion des menschlichen 18 Wesens verstehen wir jeden Zustand dieses Wesens, mag er angeboren sein oder mag 19 er durch das bloße Attribut des Denkens oder durch das bloße Attribut der 20 Ausdehnung begriffen werden, oder mag er sich endlich auf beide zugleich 21 beziehen. Hier also verstehe ich unter der Benennung Begierde jedes Streben, 22 Wollen, Verlangen und jede heftige Begierde, wie sie nach dem verschiedenen 23 Zustande desselben Menschen verschieden und nicht selten einander so 24 entgegengesetzt sind, daß der Mensch hin- und hergerissen wird und nicht weiß, 25 wohin er sich wenden soll. 26 27