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1 Andere meinen, Gott sei darum freie Ursache, weil er, wie sie meinen, bewirken 2 kann, daß das, was wir als aus seiner Natur erfolgend angegeben haben, d.h. 3 das, was in seiner Macht steht, nicht geschehe, oder von ihm nicht 4 hervorgebracht werde. Dies ist aber gerade, als wenn sie sagten, daß Gott 5 bewirken könne, daß aus der Natur des Dreieckes nicht folge, daß seine drei 6 Winkel zweien rechten gleich wären, oder daß aus einer gegebenen Ursache nicht 7 eine Wirkung erfolge, was widersinnig ist. Ferner werde ich unten ohne Hilfe 8 dieses Lehrsatzes zeigen, daß zu Gottes Natur weder Verstand noch Wille gehört. 9 Ich weiß allerdings, daß viele meinen, sie könnten beweisen, daß zu Gottes Natur 10 der höchste Verstand und freier Wille gehören; denn sie sagen, sie wüßten nichts 11 Vollkommeneres, das sie Gott zuschreiben könnten, als dasjenige, was bei uns die 12 höchste Vollkommenheit ist. Ferner, obgleich sie Gott als den tatsächlich höchst 13 Einsichtsvollen fassen, glauben sie doch nicht, daß er alles, was er tatsächlich 14 erkennt, zum Dasein hervorbringen könne, denn auf diese Art meinen sie Gottes 15 Macht zu zerstören. Wenn er alles, sagen sie, was in seinem Verstande ist, 16 geschaffen hätte, dann könnte er ja nichts mehr erschaffen. Dies halten sie für 17 einen Widerspruch gegen die Allmacht Gottes, darum nehmen sie lieber an, daß 18 Gott gegen alles indifferent sei und nichts weiter schaffe, als was er nach 19 einem gewissen absoluten Willen zu schaffen beschlossen. Ich glaube aber 20 deutlich genug gezeigt zu haben (siehe Lehrsatz 16), daß aus der höchsten Macht 21 Gottes, oder aus seiner unendlichen Natur Unendliches auf unendliche Modi, das 22 heißt, alles notwendig geflossen ist, oder immer nach derselben Notwendigkeit 23 erfolgt, auf dieselbe Art, wie aus der Natur des Dreieckes von Ewigkeit und in 24 Ewigkeit folgt, daß seine drei Winkel gleich zwei rechten sind. Darum ist Gottes 25 Allmacht von Ewigkeit her wirksam gewesen und wird in Ewigkeit in derselben 26 Wirksamkeit beharren. Und auf diese Art wird Gottes Allmacht, wenigstens meinem 27 Urteile nach, weit vollkommener gesetzt. Ja, die Gegner scheinen Gottes Allmacht 28 (man erlaube mir offen zu sprechen) zu leugnen, denn sie werden gezwungen zu 29 gestehen, daß Gott unendliches Erschaffbares erkennt, was er doch nie wird 30 schaffen können. Denn sonst, wenn er nämlich alles, was er erkennt, erschüfe, 31 würde er, nach ihnen, seine Allmacht erschöpfen und sich selbst unvollkommen 32 machen. Um also Gott vollkommen zu setzen, kommen sie dahin, daß sie zugleich 33 annehmen müssen, er könne nicht alles, worauf sich seine Macht erstreckt, 34 bewirken; Widersinnigeres aber oder Gottes Allmacht mehr Widersprechendes als 35 dies, kann wohl nicht erdichtet werden. Ferner, um auch von Verstand und Willen, 36 welche man Gott gewöhnlich zuschreibt, hier etwas zu sagen, so muß, wenn 37 Verstand und Wille zu Gottes ewiger Wesenheit gehören, unter beiden 38 Eigenschaften gewiß etwas anderes verstanden werden, als was man gewöhnlich 39 darunter versteht; denn der Verstand und Wille, welche das Wesen Gottes 40 ausmachten, müßten von unserem Verstande und Willen himmelweit verschieden sein, 41 und könnten nur dem Namen nach sich gleich sein, nicht anders nämlich, als der 42 Hund, das himmlische Sternbild, und der Hund, das bellende Tier, sich gleich 43 sind. Dies will ich so beweisen. Wenn der Verstand zur göttlichen Natur gehört, 44 wird er nicht, wie unser Verstand, später als die begriffenen Dinge (wie die 45 meisten annehmen), oder auch von Natur mit ihnen zugleich sein, da ja Gott 46 seiner Kausalität nach früher ist als alle Dinge (nach Folgesatz I zu Lehrsatz 47 16); sondern umgekehrt die Wahrheit und die formale Wesenheit der Dinge sind 48 deshalb so wie sie sind, weil sie als solche in Gottes Verstand objektiv da 49 sind. Deshalb ist der Verstand Gottes, insofern er als das Wesen Gottes 50 ausmachend begriffen wird, in der Tat die Ursache der Dinge, sowohl ihrer 51 Wesenheit als ihres Daseins. Dies scheinen auch die bemerkt zu haben, welche 52 behauptet haben, daß Gottes Verstand, Wille und Macht ein und dasselbe sei. Da 53 also Gottes Verstand die einzige Ursache der Dinge ist, nämlich (wie wir gezeigt 54 haben) sowohl ihrer Wesenheit als ihres Daseins, so muß er selbst sich 55 notwendig, sowohl in Rücksicht der Wesenheit, als in Rücksicht des Daseins, von 56 ihnen unterscheiden. Denn das Verursachte unterscheidet sich eben in dem von 57 seiner Ursache, was es von der Ursache hat. Z. B. der Mensch ist die Ursache des 58 Daseins, nicht aber des Wesens eines andern Menschen, denn dieses ist eine ewige 59 Wahrheit, und deshalb können sie dem Wesen nach einander ganz gleich sein; im 60 Dasein aber müssen sie sich unterscheiden, und deshalb, wenn das Dasein des 61 einen aufhört, wird darum nicht das des andern aufhören; wenn aber das Wesen des 62 einen zerstört und verfälscht werden könnte, würde auch das Wesen des anderen 63 zerstört. Deshalb muß das Ding, welches die Ursache des Wesens und Daseins einer 64 Wirkung ist, von dieser Wirkung, sowohl in Rücksicht des Wesens, als in 65 Rücksicht des Daseins, verschieden sein. Nun ist Gottes Verstand die Ursache des 66 Wesens wie des Daseins unseres Verstandes, also unterscheidet sich Gottes 67 Verstand, insofern er als das göttliche Wesen ausmachend erkannt wird, von 68 unserem Verstande, sowohl in Rücksicht des Wesens als in Rücksicht des Daseins, 69 und kann in nichts, als dem Namen nach, ihm gleich sein, wie ich zeigen wollte. 70 Hinsichtlich des Willens wird der Beweis ebenso geführt, wie jeder leicht 71 einsehen kann. 72 73